Von wegen mittelalterlich: Die Kämpfer des «Islamischen Staates», welche mit roher Gewalt gegen Westliche und Andersdenkende vorgehen, wissen genau, wie sie neue Technologien einsetzen müssen, um weltweit ihre Botschaften verbreiten zu können. Und wir alle beweisen, dass ihnen dies gelingt.

Schwarz gekleidet, mit Sturmmasken und Maschinengewehren ausgestattet. An den Füssen tragen sie westliche Turnschuhe. So präsentieren sich die Kämpfer der Terrorgruppe «Islamischer Staat». Erst wenig ist über diese Krieger, welche mit unbeschreiblicher Gewalt gegen Andersdenkende vorgehen, bekannt. Entstanden ist die Terrororganisation aus Aufständischen, die den Widerstand im Irak gegen die internationalen Truppen organisierten. Später wurden sie durch Sympathisanten in Syrien ergänzt, die im Bürgerkrieg gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpften. Ihr Ziel ist es, im gesamten Nahen Osten (Syrien, Irak, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien) ein Kalifat zu errichten.

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Hintergrund zum «Islamischen Staat»


Quelle Infografik: SRF News

Um dieses Ziel zu erreichen, greifen die Milizen zu allen Mitteln der Gewalt. Zuletzt konnten sie die weltweite Aufmerksamkeit mit der Enthauptung des US-Journalisten James Foley auf sich ziehen.

Wo wurde James Foley hingerichtet?

Dem Journalisten Eliot Higgins, der sich bereits seit längerer Zeit mit der Verifikation von Videos aus dem arabischen Raum befasst, ist es gelungen, das Hinrichtungsvideo von James Foley zu geolokalisieren. Wie er bei der Verifikation vorgegangen ist, beschreibt Higgins hier. Die Reaktion von Seiten der IS-Symphatisanten liess nicht lange auf sich warten. Via Twitter meldeten sie sich zu Wort.

Was bei solchen Aktionen auffällt: Die Kämpfer aus dem Nahen Osten gehen bei weitem nicht strategielos vor. Während al-Qaida zu Zeiten von Osama bin Laden vor allem durch qualitativ schlechte Videoaufnahmen auffielen, die sie periodisch verschiedenen TV-Sendern zuspielten, greifen die IS-Anhänger zu modernsten Marketing-Instrumenten, um ihre Botschaften international zu platzieren. Dazu gehören hoch aufgelöste Videos, Hashtag-Kampagnen auf Twitter und anderen Social Media und Personen innerhalb der IS-Organisation, die sich bewusst um internationale Medien kümmern.

Jüngstes Beispiel ist die aufwändig produzierte Video-Reportage des weltweit operierenden Medienunternehmens VICE. Während mehreren Wochen liess sich ein VICE-Journalist bei der Terrorgruppe IS «embedden». Ein Glücksfall für den Journalisten, doch auch ein ganz bewusst gewählter Weg der Terroristen, ihre Ziele und ihre Brutalität einer Weltöffentlichkeit vorstellen zu können. Sogar einen Mediensprecher hat die Organisation zur Betreuung des Journalisten aufgestellt, wie die über 40-minütige Dokumentation zeigt.

Die Islamisten versuchen allerdings auch über eigene Kanäle ihre Botschaft zu platzieren. Bereits im Juni hat Phillip Smyth, Forscher an der Universität von Maryland, ein verstärktes Aufkommen von Social Media-Aktivitäten der Islamisten festgestellt. Ganz bewusst versehen die IS-Krieger ihre Videos mit englischen Untertitel und haben in dieser Zeit sogar einen Newsletter in Englisch entwickelt.

Um das Risiko, dass die eigenen Accounts von heute auf morgen gesperrt werden könnten, zu minimieren, entwickelten die Islamisten eine so genannte Content-Sharing-Strategie. So teilen sich die IS-Anhänger in Social Media auf. Mehrere 1000 Accounts hat zum Beispiel J.M. Berger, Journalist bei intelwire.com, gezählt. Einige davon seien tatsächlich Kämpfer, andere wiederum «nur» Sympathisanten, bei welchen es schwer ist, sie wegen ihrer Inhalte zu belangen.

Inwiefern die Islamisten begriffen haben, wie die Mechanismen von Social Media funktionieren, zeigte sich vergangene Woche. IS-Krieger starteten eine beispielhafte Meme-Aktion: Um bei Amerikanern und Europäern freundlicher zu wirken, posierten einige Kämpfer mit Nutella-Gläsern. Dem gegenüber stehen allerdings Bilder von Kindern, die einen abgetrennten Kopf in die Höhe halten müssen. Ein Symbol, das noch am selben Tag von US-Aussenminister John Kerry aufs Schärfste verurteilt wurde.

Wie damit umgehen?

Während die gesamte Welt schockiert auf dieses Vorgehen reagiert, stellt sich die Frage, wie mit solchen Inhalten umgegangen werden soll. So intervenierte vergangene Woche die US-Regierung bei Twitter. Sogleich rechtfertigte sich dessen CEO, Dick Costolo, und regte die Löschung der IS-Inhalte – im Speziellen der öffentlichen Hinrichtung von James Foley – an.

Doch ist dies wirklich der richtige Weg? Sollen Kommunikationsplattformen eine «polizeiliche» Aufgabe übernehmen und über Inhalte, die wir zu sehen haben, entscheiden? Könnte es sein, dass plötzlich auch andere Inhalte auf Wunsch von Regierungen bewusst entfernt werden? Diesen Fragen gehen die beiden Journalisten James Ball und Glenn Greenwald nach.

Es gibt auch einen anderen Weg, wie das Will McCants, einer der Gründer des Kompetenzzentrums.

Unlängst ist auch im Web ein Krieg zwischen IS-Anhängern und bewussten Gegnern dieser ausgebrochen. Hashtags wie #AMessagefromISIStoUS, ursprünglich von IS-Sympathisanten lanciert, wurden innerhalb von kurzer Zeit von Usern übernommen und mit Militärbildern der US-Streitkräfte geflutet. Zugleich schaffte es am Tag der Enthauptung von James Foley der Hashtag #ISISMediaBlackout in die weltweiten Trending Topics. User wollten damit andere Social Media-Nutzer darauf aufmerksam machen, den Kriegern und der brutalen Ermordung auf diesen Netzwerken keine Aufmerksamkeit zu gewähren. Stattdessen teilten sie Porträtbilder von James Foley, als dieser noch lebte.

Im Gegenzug lancierten die IS-Anhänger einen Plan B. Dieser tauchte nun ebenfalls im Netz auf und lautet wie folgt:

  1. IS-Unterstützer auf andere Social Networks leiten als Twitter
  2. Videos nicht länger bei Youtube hochladen
  3. Einen alternativen Server aufbauen
  4. Westliche TV-Sender hacken
  5. Alternativen zu Justpaste finden, um Artikel und Nachrichten zu publizieren

Die neue Strategie scheint bereits aufzugehen: Unterdessen sind bereits unzählige Profile beim russischen Facebook VKontakte aufgetaucht. Ausserdem würden verschiedene Google+-Funktionen (Kalender, Google Docs und Picasa) von IS-Anhängern rege genutzt.

Genau hier zeigt sich ein nächstes grosses Problem, das Will McCants so beschreibt: «Wie soll man auf ein Phänomen aufmerksam machen, ohne dessen Botschaften und Profilen selbst mehr Reichweite zu bescheren?» Das «Center for Strategic Counterterrorism Communications» versucht es mit einem Appell an die Vernunft. Zudem platzieren die Mitarbeiter an geeigneten Orten Botschaften, die die Krieger ins Lächerliche ziehen sollen.

Diese Herausforderung zu meistern, ist auch eine Schwierigkeit für Journalisten. Wie darauf reagieren? Ich bin mir sicher, dass Medienschaffende auch in Zukunft – in Zeiten der digitalen Grabenkämpfe – auf die Gräueltaten aufmerksam machen sollten. Es ist wichtig, dass ein Diskurs und eine Einschätzung der Taten erfolgt. Trotzdem sollten diese brutalen Bilder und Videos nicht gezeigt werden. Denn genau mit einer Zurschaustellung der Taten werden die IS-Anhänger in ihrem Bestreben unterstützt.

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Quelle Artikelbild: foreignpolicy.com

3 Kommentare

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  3. Direktlink: Das IS-Video von James Foley und die Zensur durch Twitter

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