Es war einer dieser stillen Nachmittage, kurz nach dem Mittagessen. Das Blut war in der Magengegend und half beim Verdauen. Doch schon bald sollte es nicht nur dort sein. «Ein Autounfall. In fünf Minuten ist er bei uns. Instabil!», rief die vorbeieilende Pflegerin.

Ich war auf der Notfallstation eines kleinen Spitals in der Westschweiz. Hier absolvierte ich einen meiner Zivildiensteinsätze und lernte gerade, wie man unter Zeitdruck im Team kollaborativ und konstruktiv handelt.

Vieles des damals Erlebten kann ich seither immer wieder anwenden, obwohl es sich bei diesem Einsatz um einen einmaligen Ausflug in die Gesundheitsbranche handelte. Auf den ersten Blick wirkt ein Spital wie eine streng hierarchisch aufgebaute Organisation. Über Leben und Tod entscheiden im Alltag allerdings organisierte Prozesse, laterale Führung und Kooperation im Team.

1. Veränderung als etwas Positives sehen

Daraus lässt sich einiges auch auf den Journalismus und das stets komplexer werdende Umfeld in der digitalen Medienwelt übertragen. Agilität wird in diesem Zusammenhang häufig als Zauberwort und Lösung für sämtliche Probleme genannt. Es sind nicht die Stärksten oder die Intelligentesten, die einen Veränderungsprozess überleben, sondern vielmehr diejenigen, die am ehesten bereit sind, sich der Veränderung zu stellen, wissen wir von Charles Darwin.

In den letzten Monaten häufen sich in den Branchendiensten die Nachrichten zu Entlassungen und Restrukturierungen. Trotzdem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir derzeit in einer der spannendsten Epochen des Journalismus leben. Weshalb?

2. Digitalisierung bedeutet nicht nur Technologiewandel

Nie wurden Routinen derart infrage gestellt, Arbeitsabläufe verändert und generell die Funktion unserer Branche hinterfragt. Und dennoch beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass sich viele Medienschaffende der Tragweite der aktuellen Veränderungen noch nicht wirklich bewusst sind.

Die Digitalisierung betrifft längst nicht nur den Technologiewandel – vielmehr löst sie Diskussionen im Hinblick auf unsere Grundfesten aus. Wir alle, auch die langjährigen Marktführer und Experten, müssen unsere Funktion und unsere Legitimation überdenken.

3. Demut vor dem eigenen Unwissen

Wer unter diesen Umständen eine gute Führungsperson sein will, muss Demut beweisen. Demut vor der Veränderung. Demut aber auch vor dem eigenen Unwissen. Wer zugeben kann, dass er oder sie nicht auf jede Frage eine Antwort weiss, wird dem Veränderungsprozess besser begegnen können.

Doch wie soll Demut im Journalismus funktionieren? Sehen wir uns nicht alle als kritische Wachhunde der Demokratie und haben vor nichts und niemandem Furcht? Demut beginnt mit Selbstkritik, der vielleicht stärksten Tugend eines guten Journalisten. Nicht zuletzt mahnt der Chefredaktor der Washington Post, Martin Baron, seine Journalistinnen und Journalisten, besser zuzuhören – vor allem dem eigenen Publikum.

4. Wer einfache Lösungen präsentiert, denkt kurzfristig

Inmitten eines Veränderungsprozesses einfache Lösungen zu präsentieren, gilt schnell als visionär. Diese Definition greift allerdings viel zu kurz. Eine visionäre Führungskraft im Innovationsprozess lebt genau das Gegenteil: Sie versteht, dass einfache Lösungen oft nur kurzfristige Gewinne ermöglichen.

Eher schafft eine visionäre Führungskraft entsprechende Netzwerkstrukturen, um Veränderungen zuzulassen, stützt ihr Wissen auf Fachexperten, vernetzt diese und plant Flexibilität in der Organisation und in den Arbeitsabläufen ein. Ergänzend und wohl als schwierigster Punkt kommt hinzu: Eine Führungskraft im digitalen Umfeld muss das Ungewisse aushalten können. Die Zeiten, in welchen man von Anfang an alle äusseren Einflussfaktoren einplanen und sich bereits zu Beginn eines Projekts auf den Zieleinlauf konzentrieren konnte, sind definitiv vorbei.

5. In kleinen Schritten sich selbst weiterentwickeln

Was heute gilt, ist morgen bereits überholt – diese Logik bringen der Technologiewandel und die damit verbundenen Fragen mit sich. Umso wichtiger ist eine ordentliche Portion Anpassungsfähigkeit, ohne den strategischen Weitblick und die eigene Vision aus den Augen zu verlieren.

Umso spannender ist die aktuelle Epoche des Journalismus. Nicht jede und jeder muss heute sein eigenes Start-up gründen, um glücklich zu werden. Dennoch rate ich allen, jetzt die Möglichkeit zu packen, sich auf et- was Neues einzulassen. Das kann auch nur etwas Kleines neben dem angestammten Beruf sein: Lernen Sie, mit dem Smartphone zu filmen, einen Blog aufzusetzen oder erste Schritte im Bereich Programmieren zu machen.

Wirklich voraussehen, wie sich die Medienwelt entwickeln wird, kann niemand. Vielleicht verhält es sich aber ähnlich wie im Spital: Situationsveränderungen gehören dort längst zum Alltag und werden deshalb in die Prozesse eingeplant. Denn: Wer in seinen Arbeitsabläufen auf Unvorhergesehenes vorbereitet ist, kann umso besser mit Veränderungen umgehen.

Dieser Text wurde erstmalig in der persönlich-Sonderausgabe zum SwissMediaForum 2017 veröffentlicht.

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