Nun ist sie also online, die lang erwartete News-Plattform der Tamedia Mediengruppe, das Newsnetz. Enttäuscht? Nun ja, dass ab sofort auf den Portalen von bernerzeitung.ch, tagesanzeiger.ch und bazonline.ch dasselbe steht, hatten wir bereits im Vorfeld gewusst. Doch, dass Online-Journalismus nur aus der Veröffentlichung von Agenturmeldungen besteht, müsste man mit einer solchen Umstellung nicht noch einmal beweisen.

Der Anspruch (jedenfalls der BernerZeitung im Vorfeld der Lancierung) “im Internet Inhalte von hoher journalistischer Qualität bereitzustellen”, wird mit einem solchen Portal nicht neu erfunden.

Online-Journalismus sollte für mich verschiedene Punkte erfüllen, damit man von Web-2.0-Journalimus sprechen kann. Zum einen will der User schnell mit den wichtigsten Themen informiert werden. Für dieses Anliegen spricht die häufige Einbettung von Agenturmeldungen auf den Online-Plattformen. Doch ein Webauftritt einer Zeitung muss mehr bieten. Internet heisst Links setzen, heisst Verknüpfungen zu anderen Themen herstellen, heisst externe Websites einbeziehen. Dies haben die langsamen Schweizer nun endlich entdeckt und “Mehrwert”- (wie sie bei tagesschau.sf.tv heissen) oder “Kontext”-Boxen (siehe 20min-Online) in ihre Websites eingebaut. Doch Links zu setzen heisst auch frech direkt in den Meldungen Verweisungen zu plazieren, 20min.ch wagt da bereits einiges. Und ja, ich weiss, eigentlich gehörten all diese Ausführungen zur ersten Web-Generation.
Aber Online-Zeitungsplattformen gehören ebenfalls zur Web-2.0-Generation und müssen sich deshalb endlich dieses Umstandes bewusst werden. Ich will hier keine “perfekten” Beispiele auflisten, doch zum Web-2.0-Journalismus gehört der Begriff Multimedia und zu Multimedia gehören Audiobeiträge, wie auch audiovisuelle Berichte. 20minuten versucht dies anhand einer Multimedia-Box in der rechten Spalte seit einiger Zeit zu veranschaulichen. Doch wer genau hinschaut, sieht: News-Beiträge liefert die deutsche Medienagentur Reuters. Nur Wetterbeiträge werden selbst produziert.
Auf dem neuen Newsnetz-Portal dasselbe Bild: Anstatt eigene News-Videobeiträge zu produzieren (man muss ja nicht gleich eine eigene Filmcrew an den Ort des Geschehens schicken..) setzt Newsnetz lieber auf Werbefilme an oberster Stelle. Erst bei längerem Scrollen findet man die erwarteten Multimedia-Berichte. Dies soll sich aber ändern, glaubt man einem Artikel (natürlich aus dem eigenen Haus), der im Vorfeld der Lancierung bei tagesanzeiger.ch veröffentlicht wurde.
Dass Blick.ch in der Schweiz weiterhin die meistbesuchte Medienplattform ist, erstaunt nicht weiter. Haben doch die Macher von Blick.ch in meinen Augen begriffen, was Web-2.0-Journalismus bedeutet. Blick geht so weit, dass bereits täglich eigene Webcasts produziert werden. Aber: Über Qualität lässt sich bekanntlich streiten, ebenso über Videoinhalte. Auch 20minuten ist in meiner Sicht auf dem richtigen Weg: Live-Übertragungen von wichtigen Medienkonferenzen, eine handykompatible Website und seit Neustem eine eigene iPhone-Applikation.
Selbstverständlich ist man in unseren Nachbarländern in diesen Bereichen bereits weiter: Dass man in der Schweiz in Sachen Schnelligkeit nicht immer eine Vorreiterrolle spielt(e) ist klar. In Deutschland wird bereits seit Jahre Online-Journalismus betrieben, mit etwas anderen Konzepten. So wird zum Beispiel vor allem auf eine breite Nutzerfreundlichkeit mit häppchenweiser Information gesetzt. Dem User werden höchstens drei Themen auf der Online-Frontseite angeboten. Welches Thema von diesen drei der Aufhänger ist, bestimmt in erster Linie der Nutzer selbst, mit seinem Leseverhalten und der daraus resultierenden Statistik.
Zu guter Letzt: Gleich gehts weiter mit der Internet-Verbündung in der Schweizer Online-Welt…


Foto: “Dicht dran am Boulevard” von Ole Reissmann gefunden bei medienlese.com.

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