Einführung der «Metered Paywall» bei der NZZ: Lasst es diesmal bitte funktionieren
«Metered Paywall» soll also das neue Allerweltsmittel des Bezahljournalismus im Internet heissen. Die Neue Zürcher Zeitung hat am Donnerstag ihre Strategie für die kommenden Jahre präsentiert. Diese Entscheidung ist auch aus journalistischer Sicht mit grossen Hoffnungen verbunden, geht es doch darum, endlich ein rentables Finanzierungsmodell für Onlinejournalismus zu finden.
Die Meldung des NZZ-Verwaltungsrates hat eingeschlagen wie eine Bombe. Bereits nach wenigen Stunden wurde die Nachricht mehr als 100 Mal auf Twitter und über 50 Mal auf Facebook weitergeleitet. Selbst die Schweizerische Depeschenagentur nahm die Nachricht, dass künftig bei der NZZ Online- und Printjournalisten in einer Redaktion zusammenarbeiten werden, in ihren Verteiler auf. Dies hatte zur Folge, dass selbst die Gratiskonkurrenz aus dem Hause Tamedia über den Strategiewechsel berichtete.
Nebst dem journalistischen Konvergenz-Projekt fielen bei der NZZ allerdings weitere wegweisende Entscheide, die im ersten Quartal 2012 umgesetzt werden sollen:
Planen drei Sachen: 1. Relaunch Website (wird sehr hübsch), 2. Konvergenz inkl. Aufstockung, 3. Metered (!) Paywall. Alles Q1/2012. #nzz
— Peter Hogenkamp (@phogenkamp) November 24, 2011
Eine dieser Neuerungen lässt besonders aufhorchen: Es ist die «Metered Paywall». Was ist darunter zu verstehen? Frei könnten die beiden kryptischen Wörter als «dosierte Bezahlschranke» übersetzt werden. Vorreiter dieses Modells ist die New York Times, die im März dieses Jahres eine «Metered Paywall» installierte. Dabei kann der Benutzer eine gewisse Anzahl an Onlineartikeln lesen und diese auch mit seinem Netzwerk via Facebook und Twitter teilen. Nach zum Beispiel zwanzig Artikeln (bei der New York Times) ist jedoch Schluss und der Nutzer muss entweder auf ein anderes Endgerät umsteigen oder ein Bezahlabo lösen. Bei der New York Times hatten sich nach drei Monaten bereits über 200’000 Benutzer für eine Bezahloption entschlossen.
Nebst den reizenden Zusatzeinnahmen verursacht die Einführung einer «Metered Paywall» allerdings auch Nachteile. So verlor das Newsportal einen beachtlichen Trafficanteil, grosse Besuchermassen brachen also weg. Ob dieses Phänomen in der Schweiz auch eintreten wird, hängt ganz von den verschiedenen Bezahlmodellen der NZZ ab. Ziel wird sein, möglichst viele Besucher weiterhin via Social Media-Plattformen auf die Website zu holen. Spannend bleibt jedoch, ob Nutzer, die via Desktop-Browser, Handy oder Tablet die NZZ-Seite ansteuern, jeweils dreimal das «Kontingent» der «Metered Paywall» ausreizen können oder ob dies nach dem Erreichen auf einem Endgerät automatisch auf die übrigen übertragen wird.
Immerhin – und das muss den NZZ-Strategen hoch angerechnet werden – hat man sich nicht im Vornherein für eine restriktive Paywall entschieden. Wie solche Negativbeispiele aussehen, lässt sich nämlich zuhauf dokumentieren. So hat zum Beispiel das Hamburger Abendblatt im Dezember 2009 eine Paywall installiert. Und auch die Berliner Morgenpost «versteckte» alsbald seine Inhalte hinter einer Bezahlschranke.


Doch auch in der Schweiz gibt es mehr oder weniger prominente Beispiele einer rigorosen Paywall. So lancierten die Schaffhauser Nachrichten im März 2011 als eine der ersten Schweizer Newsplattformen eine Paywall. Was im Lokaljournalismus annäherungsweise zu funktionieren vermag, muss sich nun also bei der NZZ in etwas angepasster Form weisen. Über den Erfolg entscheiden werden schlussendlich auch die Schwellenwerte, also die Anzahl Artikel, die ein Nutzer lesen kann, bis er zum Zahlen aufgefordert wird. Diese stünden zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht fest.
Das Projekt ist ambitiös, dementsprechend gross sind auch die Hoffnungen der gesamten Branche, mit der «Metered Paywall» endlich ein adäquates Finanzierungsmodell für Onlinejournalismus gefunden zu haben. Ob das Modell auch wirklich rentiert, lässt sich nur über einen gewagten Schritt in nebligem Gelände durchführen, den die NZZ nun zu gehen scheint. Gutglaube und Aberglaube liegen bei solchen Vorhaben nahe beieinander. Deshalb: lasst es diesmal bitte funktionieren.
Disclosure: Im Rahmen eines Dutzend Twitter-Schulungen, die ich bei der NZZ mitleiten durfte, erhielt ich Einblick bei der Neuen Zürcher Zeitung und im Speziellen ins NZZ Labs.
Update 1 – 25. November 2011, 15.30 Uhr:
David Bauer, Onlinestratege und Redaktor bei der TagesWoche, hat sich zum Entscheid der NZZ ebenfalls Gedanken gemacht. Er notiert drei Gründe, weshalb er denkt, dass die Paywall der Neuen Zürcher Zeitung reelle Chancen hat.
Update 2 – 25. November 2011, 21.00 Uhr:
Radio FM1 hat am Mittag mit mir ein Interview zu den neuen Onlineplänen der NZZ geführt. Den Beitrag gibt es hier zum Nachhören: