Praxisbeispiel Social Media

Behördenkommunikation 2.0: Die Geschichte hinter @Stadt_Bern

Es war an einem Donnerstag Ende April, als ich mich entschied die Stadt Bern in ein neues digitales Zeitalter zu
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Es war an einem Donnerstag Ende April, als ich mich entschied die Stadt Bern in ein neues digitales Zeitalter zu führen. Heute muss ich zugeben: die Idee ist gescheitert. Es folgt eine Chronologie.

April 2011

Wer im April die Stadt Bern auf Twitter suchte, stiess auf den Account der Grünliberalen Partei (@glp_stadt_bern), auf den der EDU Stadt Bern (@EduBern) oder auf einige Berner Twitterer. Doch ein offizielles Profil von Bern Tourismus oder der Stadtverwaltung suchte man vergebens. Schnell war für mich klar, dass dem Abhilfe geschaffen werden muss. Am 28. April eröffnete ich aus diesem Grund den Account @Stadt_Bern.

Keine 24 Stunden vergingen und der Berner Blogger Manuel Reinhard hatte in einem Artikel aufgedeckt, dass die Kommunikationsabteilung der Stadt Bern nichts von ihrem neuen Kommunikationskanal wusste. Es folgte ein Wochenende und mit ihm den Wechsel in den Mai.

Mai 2011

Um eine gewisse Transparenz herzustellen nahm ich am Sonntag 1. Mai zum ersten Mal mit dem Onlineverantwortlichen der Stadt Bern, mit Karsten Querfurth, Kontakt auf und meldete ihm, dass ich für die Stadt Bern einen Twitter-Account eingerichtet hätte. Zudem bot ich ihm und der gesamten Kommunikationsabteilung an, entweder den Account zu übergeben oder weiterhin Mitteilungen der Schweizer Hauptstadt via Web 2.0 zu verbreiten. Doch noch ehe mir Querfurth am darauffolgenden Arbeitstag antworten konnte, musste ich feststellen, dass ich bereits als «Internet-Hochstapler» abgestempelt wurde.

Als ich an diesem ersten Mai-Montagmorgen nämlich die Berner Ausgabe der 20 Minuten in den Händen hielt, sprang mir sogleich ein unübersehbarer Titel in die Augen. Da hatte die Gratiszeitung doch tatsächlich fast den gesamten Blog-Artikel von Manuel Reinhard 1:1 abgeschrieben und dazu noch einen reisserischen Titel darübergestellt. Dass der Redaktor von 20 Minuten mit einer einzelnen Tweetanfrage an die Adresse der Stadt Bern die Situation hätte klären können, wurde grosszügig übersehen – wäre die noch so schöne Geschichte mit hohem Nachrichtenwert ansonsten doch dahingeflossen wie Eis in der prallen Sonne.

«Internet-Hochstapler» - Artikel in der Berner Ausgabe von 20 Minuten am 2. Mai 2011
«Internet-Hochstapler» - Artikel in der Berner Ausgabe von 20 Minuten am 2. Mai 2011

 

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Wenige Minuten nachdem der Artikel auf der Website von 20 Minuten aufgeschalten wurde, schrien Kommentaren nach «Verzeigen sofort! Das ist ein Missbrauch von offiziellen Wappen». Gemässigtere Stimmen meinten auch: «Jaja, die schweizerische Trägheit rächt sich halt! Der Schnäller isch dä Gschwinder».

In der Zwischenzeit fand ein reger Mailaustausch und ein längeres Telefongespräch zwischen Karsten Querfurth und mir statt. Da man einen offiziellen Beschluss aus dem Berner Gemeinderat zur geplanten Social Media-Strategie abwartete, stiess meine Idee einer transparenten Kommunikation über und aus Bern in den Neuen Medien auf wenig Gegenliebe. Ich liess mich überzeugen, das offizielle Verwaltungslogo durch ein Berner Wappen zu ersetzen und die Biografie des Accounts anzupassen.

Der Twitteraccount der Stadt Bern vor und nach meiner Anpassung.
Der Twitteraccount der Stadt Bern vor und nach meiner Anpassung.

 

Ein Tag verging und plötzlich stiess auch die Berner Zeitung auf den neuen Twitter-Account und die ach so mehrsystemrelevante Geschichte. Doch auch dieses Medium fragte nicht via Twitter bei der Stadt Bern an, wer denn nun wirklich hinter diesem Account steckt.

Gleichzeitig entschied sich die Stadt Bern noch am selben Tag einen neuen (nun «richtig» offiziellen) Account zu eröffnen: @Bern_Stadt.

Juni 2011

In der Zwischenzeit sind einige Wochen verstrichen und unter dem Account der Stadt Bern (@Stadt_Bern) sind mittlerweile mehr als 200 Mitteilungen aus und über Bern zusammengekommen. Die Medienpräsenz hat sich in der Zwischenzeit gelegt. Bis zum heutigen Tag war noch immer unklar, wer nun offiziell hinter diesem Account steckte.

Gleichzeitig entdeckte ich in den letzten Tagen den neuen Account der Berner Stadtverwaltung (@Bern_Stadt). Bilanz nach fast zweimonatigem Bestehen: drei Mitteilungen, weder @Replies, noch Retweets. Dies veranlasste mich, nochmals mit den Kommunikationsverantwortlichen der Stadt Bern Kontakt aufzunehmen. Ein weiteres Mal versicherte ich ihnen «meinen» Account mit den bereits fast 140 Followern vollständig und ohne Zusatzbedingungen zu übergeben. Als Antwort erhielt ich unter anderem folgende Zeilen:

«Da wir nun mit dem eigenen Account gestartet sind, macht diese Übergabe aus unserer Sicht nachträglich wenig Sinn, zumal unser Account durch die Verwendung der Marke und des Begleittextes eindeutig als offizieller Account der Stadtverwaltung Bern erkennbar ist. Wir hoffen – und da würden wir uns auch über Ihre Unterstützung freuen – , dass der Kreis unserer Follower stetig wächst und wir die eine oder andere Person Ihrer Follower dazu gewinnen.»

Meine Idee eines Rundum-Twitter-Dienstes, wie es in Deutschland zum Beispiel die Kommunikationsabteilung der Stadt Hamburg (@Hamburg_de mit über 10’000 Followern) anbietet, scheint in der Schweiz nur auf wenig Gegenliebe zu stossen. Und auch der Beweis, dass Kommunikationsverantwortliche manchmal doch auch mit etwas Vertrauen an ihre Arbeit gehen könnten (siehe Story hinter @ZDFonline), stellt eher eine Ausnahme der Regel dar.

Nun, diese Geschichte zeigt einmal mehr, dass Bestrebungen für neue Kommunikationskanäle in der Schweiz noch zu früh sind. Deshalb sehe ich mich wohl oder übel gezwungen den Account der Stadt Bern zu schliessen und zu hoffen, dass sich wenigstens einige meiner Followers zu den 19 der @Bern_Stadt gesellen.