Team Canvas: Dieses Tool fördert eine bessere Zusammenarbeit im Team
Wie entsteht Zusammenhalt im Team? Vor Corona haben Unternehmen ihre Teams zu teuren Spass-Anlässen auf eine Insel geflogen, liessen die Mitarbeiter:innen gefährliche Sportarten durchführen oder haben gleich ganze Hotels für mehrere Tage (und Nächte) für sich gebucht.
In den meisten Fällen bleiben von solchen Ausflügen höchstens einige peinliche Anekdoten und hohe Spesen hängen. Echte Fortschritte bei der Kollaboration im Team resultieren äusserst selten. Das ist nicht nur meine Beobachtung aus zahlreichen Team-Prozessen – es deckt sich auch mit der Forschung zu Team-Performance.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, wie oft sich ein Team trifft oder wie aufwendig das Event inszeniert wird. Entscheidend ist, worüber ein Team miteinander spricht und wie strukturiert diese Diskussion abläuft.
Warum teure Team-Events selten nachhaltige Wirkung zeigen
Google hat zwischen 2012 und 2014 im Rahmen des Projekts Aristotle 180 interne Teams über zwei Jahre hinweg analysiert. Die Ausgangshypothese: High Performance hängt von der Zusammensetzung ab – also von Seniorität, Expertise, IQ der Mitglieder. Das Resultat widerlegte diese Annahme deutlich. Was erfolgreiche Teams ausmachte, war nicht wer im Team war, sondern wie das Team miteinander arbeitete. Im Zentrum stand ein Faktor, den die Harvard-Professorin Amy Edmondson bereits 1999 beschrieben hatte: psychologische Sicherheit.
Psychologische Sicherheit bedeutet: Teammitglieder trauen sich, Fragen zu stellen, Fehler einzugestehen und unbequeme Themen anzusprechen, ohne Angst vor sozialen Sanktionen. Ein einmaliger Offsite schafft diese Sicherheit nicht. Sie entsteht durch explizite Normen, klare Rollen und gemeinsam vereinbarte Regeln der Zusammenarbeit.
Genau hier liegt das Problem vieler Team-Events: Sie stärken kurzfristig die Stimmung, lassen aber die strukturellen Fragen der Zusammenarbeit unberührt. Die Leistung von Teams sinkt nachweislich, sobald Team-Mitglieder umeinander herum und nicht miteinander arbeiten. Das passiert, wenn das Teamklima unsicher ist, Erwartungen unausgesprochen bleiben und Aktivitäten innerhalb des Teams schlecht aufeinander abgestimmt sind.
Art der Zusammenarbeit gemeinsam neu definieren
Mit dem Beginn der ausgedehnten Homeoffice-Phase während der Corona-Pandemie höre ich vermehrt, dass die räumlich getrennte Arbeit im Team persönlich mehr zusetzt als bisher angenommen. Umso stärker sind Aktivitäten gefragt, welche das Wir-Gefühl zwar unterstützen, aber über ein digitales Feierabendbier oder ein Wochenende mit Corona-Schnelltests in Luxus-Hotels hinausgehen.
Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Mitarbeiter:innen, die nach grossen, traumatischen Ereignissen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, Schwierigkeiten haben, sich bei der Arbeit zu konzentrieren, und gewisse Neuorientierungen notwendig sind.
Was damals aus einer akuten Krisensituation heraus entstand, hat sich heute zu einer Daueranforderung entwickelt. Hybride Arbeit ist der Normalfall geworden, nicht die Ausnahme. Teams setzen sich kontinuierlich neu zusammen, verteilen sich über Standorte und Zeitzonen, und integrieren externe Mitarbeitende und digitale Werkzeuge. In diesem Umfeld lohnt es sich mehr denn je, sich im Team bewusst Zeit zu nehmen, um die Art der Zusammenarbeit, individuelle Bedürfnisse, sowie gemeinsame Ziele explizit zu definieren.
Was ist der Team Canvas?
Der Team Canvas wurde 2015 von Alex Ivanov und Mitya Voloshchuk als Open-Source-Werkzeug veröffentlicht. Ivanov ist Absolvent von Hyper Island, der Schule an welcher auch ich meine Masterausbildung absolvieren durfte, und hat das Werkzeug explizit als Pendant zum Business Model Canvas von Alex Osterwalder konzipiert: eine einseitige visuelle Struktur, mit der sich komplexe Zusammenhänge diskutieren lassen.
Inspiriert wurde das Werkzeug unter anderem von Patrick Lencionis Buch The Five Dysfunctions of a Team und von Susan Wheelans Integrated Model of Group Development. Der Grundgedanke: Viele Teams verlieren sich im Alltag im reinen Liefern – in der ständigen Bearbeitung von Aufgaben – und verlieren dabei den Blick auf die eigene Zusammenarbeit. Der Team Canvas schafft bewusst einen strukturierten Raum, in dem genau diese Meta-Ebene adressiert wird.
Mit dem Team Canvas können Gruppen von 4-20 Personen während rund 60 Minuten (Basic Version) oder 120 Minuten (Advanced Version) eine gemeinsame Sprache finden und die Zusammenarbeit signifikant verbessern. Die Basic Version umfasst fünf Kernfelder und eignet sich für erste Alignment-Gespräche oder regelmässige Check-ins. Die Advanced Version deckt alle neun Felder ab und lohnt sich besonders beim Start neuer Teams, nach grösseren Veränderungen oder wenn sich Konflikte festgefahren haben.
Die neun Felder des Team Canvas im Detail
Der Aufbau des Team Canvas folgt einer klaren Logik: Vom Konkreten zum Abstrakten und zurück zum Konkreten. Zuerst wird geklärt, wer im Team ist und was erreicht werden soll. Danach folgt das Warum – also Sinn und Werte. Anschliessend geht es um die individuellen Voraussetzungen jedes Mitglieds. Zum Schluss werden daraus konkrete Regeln und Aktivitäten abgeleitet.
1. People & Roles (Personen und Rollen)
Jedes Teammitglied notiert seinen Namen und die eigene Rolle im Team. Wer mehrere Rollen hat, verteilt diese auf separate Post-its. Dieses Feld schafft die Grundlage: Wer ist überhaupt Teil der Diskussion – und mit welcher funktionalen Perspektive?
Leitfrage: Wer sind wir und welche Rollen nehmen wir im Team ein?
2. Common Goals (Gemeinsame Ziele)
Das Team einigt sich auf gemeinsame Ziele, die messbar und zeitlich verortet sind. Gemäss der Anleitung von Alex Ivanov sollen die Ziele «feasible, measurable, and time-bounded» sein – also realistisch, messbar und terminlich konkret. Ein Beispiel aus dem Originaldokument: «Become the leading car-sharing company in our region by 2026.»
Leitfrage: Was wollen wir als Gruppe erreichen?
3. Personal Goals (Persönliche Ziele)
Anders als bei den gemeinsamen Zielen geht es hier um individuelle Motivationen und Erwartungen. Was will ich persönlich durch meine Arbeit in diesem Team erreichen? Dieses Feld legt unausgesprochene Agenden offen – ein zentraler Grund, warum Teams aneinander vorbeiarbeiten.
Leitfrage: Was will jede:r persönlich durch die Arbeit in diesem Team erreichen?
4. Purpose (Sinn und Zweck)
Einen Schritt hinter die gemeinsamen Ziele: Warum tun wir, was wir tun? Dieses Feld adressiert den übergeordneten Sinn der Teamarbeit. Es ist oft das schwierigste Feld, weil es abstraktes Denken verlangt – aber es ist entscheidend für langfristige Motivation und Resilienz in schwierigen Phasen.
Leitfrage: Weshalb machen wir, was wir machen – über die konkreten Ziele hinaus?
5. Values (Werte)
Die zentralen Prinzipien, die das Team in der Zusammenarbeit gelten lassen will. Hier braucht es bewusst Zeit: Werte sind oft Worthülsen, wenn sie nicht mit konkreten Verhaltensbeispielen unterlegt werden. Die Frage «Was heisst Respekt konkret für uns im Alltag?» bringt mehr als das reine Benennen des Wertes.
Leitfrage: Welche Werte wollen wir im Zentrum unserer Zusammenarbeit?
6. Strengths & Assets (Stärken und Ressourcen)
Jedes Teammitglied benennt seine eigenen Stärken und die Ressourcen, die es einbringt – fachlich, methodisch, menschlich. Dieses Feld hat eine Doppelfunktion: Es macht vorhandene Kompetenzen sichtbar und stärkt gleichzeitig die individuelle Selbstwahrnehmung im Team.
Leitfrage: Welche Stärken und Ressourcen bringen wir ins Team ein?
7. Weaknesses & Development Areas (Schwächen und Entwicklungsfelder)
Das Gegenstück zu Stärken: Wo habe ich persönlich Schwächen oder Entwicklungsfelder, die das Team kennen sollte? Dieses Feld setzt psychologische Sicherheit voraus – und trägt gleichzeitig zu ihrem Aufbau bei. Wer Schwächen benennen kann, ohne sie als Makel zu erleben, etabliert eine Kultur des offenen Lernens.
Leitfrage: Welche persönlichen Schwächen oder Entwicklungsfelder soll das Team kennen?
8. Needs & Expectations (Bedürfnisse und Erwartungen)
Was brauche ich vom Team, um meine Aufgaben gut zu erledigen? Was erwarte ich von meinen Kolleg:innen? Dieses Feld macht implizite Erwartungen explizit – eine der häufigsten Quellen von Konflikten in Teams.
Leitfrage: Was brauche ich vom Team, um meinen Beitrag leisten zu können?
9. Rules & Activities (Regeln und Aktivitäten)
Im letzten Feld werden konkrete Spielregeln und Rituale vereinbart: Wie entscheiden wir? Wie kommunizieren wir? Welche regelmässigen Meetings brauchen wir? Dieses Feld ist der Ort, an dem die Erkenntnisse der vorangegangenen Felder in konkrete Handlungen übersetzt werden.
Leitfrage: Welche Regeln und Aktivitäten vereinbaren wir, um als Team wirksam zu sein?
Nicht alle Felder müssen konsensual gefüllt werden. Gemäss der Originalanleitung sollen sich alle Teammitglieder bei den Feldern People & Roles, Goals, Purpose, Values und Rules einigen. Die übrigen Felder (Personal Goals, Strengths, Weaknesses, Needs) werden individuell gefüllt und dann im Team geteilt – hier geht es um gegenseitiges Verstehen, nicht um Einigung.
Mit Transparenz zu mehr Vertrauen
Der grosse Vorteil eines Tools wie dem Team Canvas ist, dass sich mit gezielten Fragen sämtliche Team-Mitglieder Gedanken zur eigenen Rolle und den Bedürfnissen für die Zusammenarbeit machen müssen. Die visuelle Struktur zwingt dazu, auch jene Themen anzusprechen, die sonst im Alltag verdrängt werden.
Eine aussenstehende Person zur Moderation kann diesen Prozess auf mehreren Ebenen unterstützen: Ein:e Coach:in hat die Freiheit, Unausgesprochenem stärker auf den Grund zu gehen, Rückfragen zu stellen und Grundsatzdiskussionen zu strukturieren. Die moderierende Person muss nicht zwingend extern sein – wichtig ist aber, dass sie während der Moderation explizit keine inhaltlichen Team-Beiträge leistet, sondern die Rolle bewusst übergibt, wenn sie selbst beitragen möchte.
Bereits mehrfach durfte ich solche Prozesse in Teams (digital und vor Ort) moderieren. Lassen Sie mich gerne wissen, falls Sie hierzu Unterstützung brauchen.
Konkrete Fragen für die «Zeit danach»
Es lohnt sich, den Team Canvas in regelmässigen Abständen zu überprüfen. Spätestens nach Abgang resp. Neuzugang eines Team-Mitglieds oder aber alle halbe Jahre sollte der Prozess wiederholt werden. Die visuelle Form hilft dabei, sich an die Ausgangslage zu erinnern und wo nötig zu überarbeiten.
Besonders in der heutigen hybriden Arbeitsrealität wäre es an der Zeit, im Team über die «Zeit danach» zu sprechen:
- Wird erwartet, dass ich in naher Zukunft wieder vor Ort arbeite?
- Falls ja: In welcher Häufigkeit und für welche Tätigkeiten soll ich zurück ins Büro kommen?
- Wie organisieren wir künftig hybride Team-Meetings, damit weder Vor-Ort- noch Remote-Mitarbeitende benachteiligt werden?
- Gibt es Dinge, die digital besser funktioniert haben und wir künftig beibehalten wollen?
- Wie stellen wir sicher, dass informelle Gespräche und spontaner Austausch weiterhin stattfinden?
Haben Sie als Vorgesetzte:r Mut, diese Dinge anzusprechen. Und wenn Sie schon daran sind: Sprechen Sie in Ihrem Team auch darüber, wie Sie künftig Entscheide fällen wollen.
Denn Menschen haben tendenziell weniger Angst vor Veränderungen als vor dem Unbekannten.
Häufige Fragen zum Team Canvas
Wie oft sollte ein Team den Team Canvas durchführen?
Empfohlen wird eine erste vollständige Session beim Teamstart sowie eine Überprüfung alle sechs Monate oder bei personellen Veränderungen. Kürzere Check-ins auf Basis des Basic Canvas können auch quartalsweise stattfinden. Entscheidend ist nicht die Frequenz, sondern die Verbindlichkeit: Ein Team Canvas, der einmal erstellt und danach nie wieder angeschaut wird, verliert rasch seine Wirkung.
Braucht es zwingend eine externe Moderation?
Nein, zwingend ist eine externe Moderation nicht. Empfehlenswert ist sie aber, besonders beim ersten Durchlauf oder in Teams mit bestehenden Konflikten. Eine aussenstehende Person kann heikle Themen ansprechen, ohne selbst Teil der Teamdynamik zu sein. Wer intern moderiert, sollte sich bewusst aus der inhaltlichen Rolle zurücknehmen und diese gegebenenfalls explizit abgeben.
Funktioniert der Team Canvas auch digital und in hybriden Teams?
Ja. Der Team Canvas lässt sich problemlos mit Tools wie Miro, Mural oder Conceptboard digital durchführen. Für hybride Sessions gilt: Entweder alle sind digital oder alle vor Ort, Mischformen funktionieren erfahrungsgemäss schlechter. Bei verteilten Teams empfehle ich, die Session in zwei kürzere Blöcke zu je 60 Minuten aufzuteilen, um Konzentration und Energie zu erhalten.
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