Weniger ist mehr: Diese Tools helfen bei der strategischen Verzichtsplanung

Spätestens mit dem Jahreswechsel tauchen sie wieder auf: die Vorsätze zu mehr Verzicht. Egal ob im persönlichen oder geschäftlichen Rahmen – wir tun uns unglaublich schwer, auf Dinge zu verzichten.
Das liege daran, dass der Verzicht in der Vergangenheit immer eine Notfallmassnahme war. «Man hat ihn dann geübt, wenn es nicht anders ging», erklärt der deutsche Autor Ulrich Wegst. In seinem Buch «Keine Angst vorm Verzicht» bezeichnet er den Verzicht als wichtigste Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts.
Drei Phasen des Verzichts
Der Verzicht tut (im Nachhinein) oft weniger weh, als man sich das vorstellt. Dazu müssen wir aber verschiedene Phasen des Verzichtens überstehen. Dazu gehört eine Phase der Diskussion und des Aushandelns. Haben wir diese hinter uns gelassen, müssen wir die Umstellungsphase meistern. In dieser beweist sich, ob wir es mit dem Verzicht tatsächlich ernst meinen. Erst in der Gewöhnungsphase etabliert sich die neue Normalität.
Doch es ist nicht die neue Normalität, die gelernt werden muss. Viel mehr liegt die Herausforderung beim «Verlernen» der bestehenden Muster und mentalen Modelle. Ähnlich wie bei Verhaltensgewohnheiten im Privatleben kann hier helfen, sich neue Routinen und Eselsbrücken zu bauen.
Verzicht führt zu unternehmerischem Erfolg
Steve Jobs sagte vor einigen Jahren: «Innovation bedeutet, zu 1000 Dingen Nein zu sagen. Ich bin auf die Dinge, die wir nicht getan haben, genauso stolz wie auf die, die wir getan haben.» Dieses Mantra ist eine der treibenden Philosophien von Apple. Und die Fokussierungsstrategie mit sechs Kernprodukten (iPhone, iPad, MacBook, Watch, TV, AirPods) scheint sich auszuzahlen: Immerhin ist das Unternehmen unterdessen gleich viel Wert wie Amazon, Alphabet und Meta zusammen.
Zu potenziell bahnbrechenden Ideen Nein zu sagen, ist ein Aspekt des Verzichts. Dabei geht es weniger um das Nein an sich, sondern vielmehr darum zu wissen, wozu man eigentlich Ja sagt. Indem Sie die eigenen Strategiekriterien definieren, haben Sie auch gleich ein Instrument zur Hand, um im Rahmen der strategischen Jahres- oder Quartalsplanung Vorhaben zu priorisieren.
Wenn Verzichten zu persönlichen Grundsatzdebatten führt
Versuchen Sie dabei stets, Ihre Vision und Mission abzuleiten und auf die vorgeschlagenen Ideen anzuwenden. Fehlen diese strategischen Grundlagen, so sammeln Sie zumindest die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale Ihrer Organisation: Was können nur Sie gut? Warum sollten Kund:innen und Nutzer:innen sich genau an Ihre Organisation richten?
Schwieriger wird es bei bereits bestehenden Ideen und Angeboten. Hier wird schnell deutlich, dass vor allem bei historisch gewachsenen Organisationen nichts ohne interne Abstimmung geht. Erst recht, wenn es um die strategische Fokussierung oder Verzicht geht. Schnell werden Diskussionen über die Einstellung von gewissen Produkten, Dienstleistungen oder auch internen Prozessen zu persönlichen Grundsatzdebatten. Da hilft es, möglichst auf objektiven, einfach verständlichen und gemeinsam getragenen Entscheidungskriterien aufzubauen.
MSPOT hilft bei der strategischen Verzichtsplanung
Das Software-Unternehmen Hubspot hat dazu das MSPOT-Tool entwickelt. Es soll zur Fokussierung der strategischen Aktivitäten helfen.

MSPOT steht für:
- Mission: Was ist unsere übergeordnete Mission?
- Strategie: Wie sollen die Ziele erreicht werden?
- Vorhaben: Was sind die Kernpunkte dieser Strategie?
- Verzicht: Worauf wird als Ergebnis der gewählten Strategie verzichtet?
- Zielvorgaben: Woran wird das Erreichen dieser Ziele festgemacht?
Doch Fokussierung passiert nicht einfach so, durch das Befüllen eines passenden Templates oder Frameworks. Fokussierung ist das bewusste Nebenprodukt einer gemeinsamen Vision. Und eine Vision entsteht, wenn man miteinander spricht, sich austauscht, sich Daten ansieht und Annahmen aktualisiert.
Diskussion und Einbezug hilft für die Akzeptanz
Bei Hubspot wird die strategische Richtung innerhalb des MSPOT-Frameworks auf höchster Führungsebene festgelegt. Aber die Umsetzung dieser Strategie erfolgt von unten nach oben. Alle Bereichsleiter:innen arbeiten sowohl mit ihren Vorgesetzten als auch den Mitarbeiter:innen zusammen, um das «Wie» zu lösen.
Hier wird die Akzeptanz geschaffen, und genau darin liegt die Stärke der Methode. Wer diesen Schritt auslässt, braucht sich auch nicht mit irgendeiner anderen Methode zu befassen – denn nichts davon wird funktionieren. Einen detaillierteren Einblick in das Vorgehen von Hubspot finden Sie hier.
Konkrete Tipps gegen ausufernde Verzichtsdiskussionen
Wer nun Angst vor ausufernden Diskussionen bei der Verzichtsplanung hat, kann sich bei folgenden konkreten Tipps bedienen:
- Stellen Sie in den Diskussionen stets kompromisslos die eigenen Stärken der Organisation in den Mittelpunkt und versuchen Sie aus dieser Sicht zu argumentieren.
- Auch kein Entscheid kostet: Versuchen Sie, die Kosten eines ausbleibenden Entscheides (z.B. um ein Angebot einzustellen oder auf eine Idee zu verzichten) mit einzupreisen.
- Verknüpfen Sie den Verzicht mit einem positiven Ziel: Wo werden bisher besetzte Ressourcen durch den Verzicht frei und anderweitig einsetzbar? Was wird aufgrund des Verzichts vielleicht sogar gestärkt?
- Sammeln Sie Verzichtsabklärungen anonym. So verhindern Sie den Gesichtsverlust, falls jemand sein eigenes Projekt zur Disposition stellt.
- Suchen Sie nach Zombie-Projekten: Dabei handelt es sich um Vorhaben, die bereits seit längerer Zeit regungslos auf Todo-Listen vor sich hingammeln und trotzdem Platz, Energie und Aufmerksamkeit rauben. Auch hier lohnt es sich, einen Entscheid zu fällen.
- Feiern Sie Erfolge. Wenn nach einem Quartal oder halben Jahr niemand das eingestellte Vorhaben vermisst, haben Sie alles richtig gemacht. Das darf durchaus auch gefeiert werden.
So klappt es mit dem Verzicht im Medien- und Kommunikationsbereich
Zur Priorisierung des Angebotsportfolios hat sich das «Four Actions Framework» etabliert. Das von Chan Kim und Renée Mauborgne entwickelte Modell dient dazu, innovativer und objektiver über die eigene Differenzierung und die angebotenen Leistungen nachzudenken.
Dabei werden sämtliche Angebote und Produkte entlang von vier Kategorien eingeteilt: reduzieren, einstellen, generieren und erhöhen.

Übertragen auf die Medien- und Kommunikationsbranche gibt es verschiedene Felder, in welchen Organisationen aus strategischer Sicht aktiv werden sollten. Diese Felder lassen sich aber erst nach einer detaillierten Analysephase eindeutig bestimmen.
Dazu gehört eine Auswertung des bestehenden Angebots. Wie reagieren die Nutzer:innen auf die angebotenen Produkte und Dienstleistungen?
Mit einer Auswertung von Markt- und Konkurrenzanalysen kann genauer beschrieben werden, welche Angebote die Konkurrenz bereits am Markt anbietet.
Zusätzlich lassen sich mit qualitativen und quantitativen Analysen die Bedürfnisse der Nutzer:innen besser verstehen und aufgrund ihrer Marktpotentiale priorisieren.

Was folgt daraus? Abgeleitet vom «Four Actions Framework» können auf dieser Basis die verschiedenen Auswertungen und Analysen übereinander gelegt werden.
Das führt dazu, dass schneller sichtbar wird, welche Angebote ausgebaut, neu positioniert oder doch abgebaut werden sollten:
- Angebote, die nicht den Bedürfnissen der Nutzer:innen entsprechen und zusätzlich von der Konkurrenz angeboten werden, sollten in Zukunft eingestellt werden.
- Angebote, die direkt nicht den Bedürfnissen der potentiellen Nutzer:innen entsprechen, aber die eigene Organisation einzigartig machen, sollten reduziert oder aber neu positioniert werden.
- Bei bestehenden und neuen Angeboten, die ein Bedürfnis der Nutzer:innen erfüllen, aber auch von der Konkurrenz angeboten werden, sollte zu einer klaren Eroberungstaktik übergegangen werden. Das bedingt eine Erhöhung der Investitionen, macht aber auf längere Sicht Angebote auch besser und einzigartig.
- Bereiche, die einen Bedarf der Nutzer:innen decken und von der Konkurrenz nicht abgedeckt werden, sollten eindeutig identifiziert werden. In diesen Bereichen gilt es, neue Angebote zu entwickeln. Hier scheint auch das grösste Monetarisierungspotenzial auf dem Leser:innen-Markt zu liegen.
Fragen? Anregungen?
Wie üben Sie sich in Verzicht? Haben Sie weitere Tipps, um die strategische Verzichtsplanung in Ihrer Organisation umzusetzen? Lassen Sie mich gerne an Ihren Gedanken teilhaben – direkt als Kommentar unterhalb dieses Artikels oder als Nachricht über einen persönlichen Kanal.
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