Medienkonvergente Knackpunkte, die «joiz» zu meistern hat
Ende Februar sollen die ersten TV-Minuten des neuen jungen Schweizer Fernsehsenders «joiz» über die Bildschirme flimmern. Multimedial und medienkonvergent zugleich preist sich der neue schweizweite Sender an. Doch wie will man die so hoch gelobte Medienkonvergenz herstellen? Eine Analyse.
15- bis 29-jährig soll das Zielpublikum des neuen Schweizer Jugendsenders «joiz» sein. Mit «joiz» wolle man das klassische Fernsehmedium mit dem Web und Mobile verknüpfen. Zudem sollen soziale Medien rege mit einbezogen werden, so die Macher in Interviews vor dem Start. Doch: Wie könnte eine solche Verschmelzung aussehen, damit sich Jugendliche wirklich angeregt fühlen, in Diskussionen oder beim Programm allgemein mitzuwirken?
Im Folgenden werden einige Knackpunkte analysiert und offene Fragen gestellt. Die Liste ist offen, weitere Ideen können als Kommentar hinzugefügt werden.
Knackpunkt Mobile
Die Schweiz ist das Land mit der höchsten iPhone-Dichte weltweit. Ende Juni 2010 waren etwa 750’000 iPhones im Umlauf. Mit dem Launch des iPhone 4 in der Schweiz, sollen nochmals fast eine halbe Million dazugekommen sein. Dass davon mehr als die Hälfte der Geräte einer Person zwischen 15 und 29 Jahren gehört, liegt auf der Hand. Dieses Vorwissen benötigt, wer die mobile Nutzung des «joiz»-Angebotes diskutieren will.
Dass «joiz» eine eigene App fürs iPhone lancieren wird, ist offensichtlich. Zweifelhaft ist allerdings die Annahme, Jugendliche würden von unterwegs fernsehen. Hierzu sind die Preise für mobile Internetnutzung in der Schweiz schlicht (noch) zu hoch. Überhaupt will sich «joiz» mit seinen verschiedensten Sendegefässen nicht als Nachrichtenportal für Jugendliche positionieren. So würde also auch die Variante eines mobilen Online-Newsportals wegfallen. Trotzdem müssten mit einer gewissen Regelmässigkeit neue Inhalte in einer App dargestellt werden, will man damit erreichen, dass «joiz» ebenfalls mobil genutzt wird. Was hat «joiz» also an wichtigen Informationen zu bieten, die es auch von unterwegs nicht zu verpassen gilt?
Knackpunkt Web
Jugendliche verbringen täglich über zwei Stunden (138 Minuten) im Internet. Die meiste Zeit nutzen sie, um mit Freunden zu kommunizieren. Soziale Netzwerke werden zum ständigen Begleiter: jeder zweite Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren loggt sich täglich in einer Online-Community ein.
Es ist klar, dass auch «joiz» von diesem exzessiven Mediennutzen profitieren will. Web-Stream, Verknüpfungen der «joiz»-Website mit Facebook, Kommentarfunktionen usw. Leider nichts wirklich Neues. Und auch spätestens seit dem Relaunch der «Arena» kennen wir in der Schweiz die Möglichkeit, via Videobotschaft aktiv in Fernsehsendungen teilzunehmen. Der nächste Schritt, Skype-Telefonate in Live-Sendungen einzubinden, ist offensichtlich.
Jugendliche filmen mit ihren Mobiltelefonen ihr Umfeld, ihr Leben, ihre Erlebnisse. Was Jugendliche bewegt, soll mit der ganzen mobilen Welt auf Youtube geteilt werden. Doch «joiz» kann es sich nicht leisten, eine billige Zusammenstellung von Youtube-Filmen in einen grösseren Rahmen zu stellen und das Resultat darauf als «Eigenleistung» verkaufen. Demnach muss hier ebenfalls eine neue Lösung gefunden werden. Schwer wird allerdings, Jugendliche zu bewegen, ihre Beiträge direkt bei «joiz» einzusenden, zu posten oder hochzuladen. Es wäre wohl ein Fehlschritt, falls «joiz» versuchen würde, eine eigene Community mit zwingendem Login aufzubauen. Wie will «joiz» es also schaffen, Jugendliche zum Mitdenken zu animieren?
Knackpunkt TV
Dass Jugendliche sich vor den TV setzen und «nur» das «joiz»-Programm nutzen, ist eine Illusion. Zugleich besitzen die meisten frisch von zuhause ausgezogenen jungen Erwachsenen kein TV-Gerät mehr. Weiter können die Macher von «joiz» von ihrem Publikum nicht verlangen, dass es sich ständig über Sendungen und deren Inhalte online im Voraus informiert und somit ein gewisses Vorwissen mit sich bringt. Wie will «joiz» es also schaffen, die Jugendliche zurück an die Bildschirme zu ziehen, wenn sie doch sowieso Alles im Nachhinein wann immer und wo immer nachschauen können und wolllen?
Allgemein ist zu sagen, dass es für Medienkonvergenz und Publikumseinbezug einen gewissen Bekanntheitsgrad benötigt. Ist kein Publikum vorhanden, so macht logischerweise auch niemand mit. Die Medienkooperation mit 20minuten für das Moderatorencasting ist hierzu ein erster Schritt. Will ein jugendliches Medium darüber hinaus bei Jugendlichen Gesprächsthema Nr. 1 werden und längerfristig bleiben, müssten solche Kooperationen weitergeführt werden. Bereits heute ist die Mediennutzung bei jungen Erwachsenen ziemlich ausgelastet. Wollen die Macher von «joiz» diese weiter erhöhen und längerfristig bestehen bleiben, müssen sie den Jugendlichen im Gegenzug einen wirklich sinnvollen und ansprechenden Mehrwert bieten.
Für diese Strategie wird künftig Kurt Schaad mitverantwortlich sein. Er wird neu Verwaltungsratspräsident der 7 screens AG, die joiz produzieren wird. Der ehemalige Redaktionsleiter von «ECO» beim Schweizer Fernsehen verneint vehement, sein neues Projekt «joiz» würde den bisherigen Arbeitsgeber SF konkurrenzieren. Trotzdem bleibt ein gewisser Vergleich überfällig. Das SF hat ein anderes Zielpublikum, dem kann man zustimmen. Spannend ist allerdings, dass gerade das Schweizer Fernsehen zur selben Zeit versucht, seine Organisationseinheiten mit dem Schweizer Radio DRS zusammenzulegen und daraus resultierende Synergien besser zu nutzen. Spätestens ab Mitte März, wenn sich beide crossmedialen Betriebe im Alltag beweisen müssen, werden wir erste Resultate sehen und analysieren können. Es bleibt zu hoffen, dass dem neuen Trendprojekt nicht der jugendliche Atem vergeht.
Update vom 27. Januar 2011

«joiz»-CEO und Mitgründer Alexander Mazzara bestätigt im Interview mit 20-Minuten Online, dass man sich bei «joiz» Gedanken über Apps gemacht habe. Man setze aber in erster Linie auf die Browsernutzung des Onlineangebotes von «joiz» und warte den Launch des Fernsehangebotes ab. Später komme man eventuell auf diese Überlegungen zurück.
Es zeichnet sich immer klarer ab: Der grösste Knackpunkt, den «joiz» bewältigen muss, ist definitiv die Frage, wie man das Zielpublikum mobil erreichen will und dieses gleichzeitig animieren kann, sich aktiv mit Inhalten an den jeweiligen Sendungen zu beteiligen.
Update vom 20. Februar 2011
Auf Grund fehlender Glasfaserkabel-Anbindung der «joiz»-Gebäude, wurde der Sendestart von Ende Februar auf den 28. März 2011 verschoben.
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