Noch nie hat sich das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen in der Schweiz so stark mit den Neuen Medien auseinandergesetzt, wie in den vergangenen zwei Wochen. Gezielt wurden während des Vorwahlprojektes «Treffpunkt Bundesplatz» Twitter und Facebook als Zusatzkanäle in die Sendestrategie einbezogen und in das Sendeprogramm implementiert. Als erstes Pilotprojekt angedacht, haben die Reaktionen gezeigt, dass die Nachfrage nach solchen Kommunikationswegen durchaus vorhanden ist.

Über 2100 Facebook-Fans und mehr als 1100 Follower auf Twitter konnte das SRG-Projekt während zwei Wochen anlocken. Eine stattliche Anzahl politisch interessierter Nutzer. Allein auf Facebook kamen in den 14 Tagen «Treffpunkt Bundesplatz» mehr als 16’000 Kommentare zusammen. Im Gegensatz zum oft gehörten Wehklagen, Onlinekommentare seien qualitativ nur schlecht, waren diese Meinungsäusserungen fast immer konstruktiv und trotz teils polemischen Inhalten stets der Netiquette entsprechend. Hatten sich in äusserst seltenen Fällen doch einige Trolle unter die Diskutanten gemischt, so wurden diese oft von anderen Mitlesern auf ihre Plicht zur sorgfältigen Meinungsäusserung hingewiesen. Und auch die ständige Moderation durch das Onlineteam motivierte die User, fair zu diskutieren.

Neue Methoden zur Nutzungsforschung sind gefragt

Weniger erfreut zeigte sich die SRG von den Einschaltquoten: «Die Personen-Marktanteile TV blieben allerdings unter den Erwartungen», schreibt etwa Peter Mosimann in seiner Projektzusammenfassung. Das Problem hier: Die Zuschauerquote verliert in Zukunft laufend an Daseinsberechtigung und sagt immer weniger über die Mediennutzung aus. Es muss in der Nutzungsforschung ein neues Verfahren entwickelt werden, das die verschiedenen Kanäle zusammenfasst. Ausserdem wird der klassische Fernsehzuschauer mit den aktuellen Messverfahren gegenüber einem Onlinenutzer, der sich vielleicht sogar rege an den Diskussionen beteiligt und so näher am Programm ist, klar überbewertet.

Ein Teil des Teams hinter bundesplatz.srf.ch: Tobias Bühlmann, Sabina Hübner, Adrian Arnold, Nicola Ruffo und Andreas Freudig (v.l.n.r.).
Ein Teil des Teams hinter bundesplatz.srf.ch: Tobias Bühlmann, Sabina Hübner, Adrian Arnold, Nicola Ruffo und Andreas Freudig (v.l.n.r.).

Doch nicht nur die Nutzung selbst, sondern auch die Aufbereitung der Diskussionen im Netz bescherten uns immer wieder Kopfzerbrechen hinter den Kulissen. Und zwar ging es hier hauptsächlich um eine sinnvolle Einbettung der Social Media-Inhalte in die Sendestruktur, die einigermassen planbar bleiben musste. Denn auch Livesendungen haben ihren «fixen» Ablauf und im Gegensatz zum Radio konnten wir beim Fernsehen viel weniger mit freien Zeitblöcken «spielen». Man entschloss sich schlussendlich für so genannte Crawls, die vor allem während den Radiosendungen die Twitter- und Facebook-Meldungen auf den Bildschirm brachten. In den Live-Sendeblöcken am Fernsehen (um 12.45, 13.30, 17.00 und 18.15 Uhr) entschieden wir uns, einzelne Themen aus der Onlinediskussion aufzugreifen und bei den angesprochenen Personen nachzuhaken. Dies hat sich auf die Dauer bewährt. Vor allem weil wir oft einen Gast, der in einer anderen Sendung (meist im Radio) bereits präsent war, via Fernsehschaltung nochmals aus dem Gedächtnis des Zuschauers holten.

Auch Livesendungen müssen geplant sein. Hier die so genannte «Running» vom Montag, 19. September 2011.
Auch Livesendungen müssen geplant sein. Hier die so genannte «Running» vom Montag, 19. September 2011.

 

Mit Stift, Block und Papier gegen die Web 2.0-Flut
Eine weitere Knacknuss bildete die hohe Anzahl an Mitteilungen und Kommentare. In Spitzenzeiten, während Live-Sendungen, erreichten uns etwa all 20 Sekunden eine Mail, mehrere Tweets und Facebook-Kommentare. Diese zu verarbeiten bedingt einer schnellen Auffassungsgabe, aber auch einem mehrköpfigen Team. Oft liegt das Naheliegenste allerdings auf der Hand: Eine gute alte Strichli-Liste, von Hand und mit Kugelschreiber ausgefüllt hilft oft mehr als aufwändig programmierte Social Media-Tools.

Social Media als fixer Bestandteil der Schweizer Fernsehens?
Vor allem gegen Ende der beiden Wochen wurden immer wieder Stimmen laut, eine solche Teilnahme via Social Media-Plattformen möge doch in Zukunft auch in den «gewöhnlichen» Sendungen möglich sein. Leider ist dies im Fernsehen oft aus logistischen Gründen nicht machbar. So wird zum Beispiel die «Live»-Sendung «Arena» bereits einige Stunden im Voraus aufgezeichnet und ungeschnitten später ausgestrahlt. Hier wäre eine Diskussion höchstens im Vorfeld der Sendung möglich. Trotzdem sollte nebst dem Radio auch das Fernsehen in Zukunft einen Weg finden, wie es Neue Medien in die Berichterstattung aufnehmen will.

Mit Social Media die Zuschauer zurück an den Bildschirm holen
MTV geht hier mit gutem Beispiel voran. So hatte der Musiksender während Jahren immer mehr Mühe, seine Zuschauer an den Bildschirmen zu halten. Vor allem die Video Music Awards waren den Fernsehmachern ein Dorn im Auge, sank doch die Quote von Jahr zu Jahr kontinuierlich. Erst als man Twitter in die Preisverleihung miteinbezog, begannen die Nutzungsquoten der Sendung wieder zu steigen. Bertram Gugel hat zu diesem Beispiel eine schöne Übersicht zusammengestellt. Leider kann auch beim «Treffpunkt Bundesplatz» nicht abschliessend geklärt werden, wer aufgrund von Facebook-Mitteilungen und Tweets dann tatsächlich den Fernseher oder den Livestream eingeschaltet hat.

 

Disclosure: Ich war ebenfalls Teil des Projektes «Treffpunkt Bundesplatz». Während den beiden Wochen war ich unter anderem als Kopf hinter Adrian Arnold und Hanspeter Trütsch verantwortlich für die Themenübersicht und -zusammenstellung der einzelnen Posts, die uns via Web 2.0-Plattformen erreichten. Als Bindeglied versuchte ich die verschiedensten externen Inputs in die Fernsehsendungen einzubringen und bei den betreffenden Personen zu deponieren.

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