In den meisten Medienhäusern gelten Online-Kommentare noch immer als lästige Begleiterscheinung und notwendiges Übel. Sinnvoll organisiert und mit dem erforderlichen Fachwissen betreut, könnten Kommentare das journalistische Produkt bereichern. Mit einer solchen Aufwertung liessen sich auch Manipulationsversuche frühzeitig entlarven. Ein Skandal, wie jener mit den gekauften Onlinekommentaren gegen die Abzockerinitiative, würde schnell auffliegen. Wie man es anders machen kann, zeigt die Redaktion von «ZEIT ONLINE».


Für Geld in die Tasten gegriffen – in der Schweiz wurden Studenten für gefälschte Onlinekommentare bezahlt.
Für Geld in die Tasten gegriffen – in der Schweiz wurden Studenten für gefälschte Onlinekommentare bezahlt.

«Das ist dicke Post», ärgert sich Claudio Kuster, Mitinitiant und Kampagnenleiter der Abzockerinitiative, als der Tages-Anzeiger kürzlich einen Onlinekommentar-Skandal aufdeckt. Während Wochen haben Studenten im Auftrag der Zürcher Agentur Werbeanstalt, auf Online-Portalen Kommentare gegen die Abzockerinitiative verfasst. Der nun aufgedeckte Fall wirft grundsätzliche Fragen auf, was den redaktionellen Umgang mit Online-Kommentaren angeht.

Obwohl erschreckend, ist das vorliegende Beispiel nur die Spitze des Eisbergs. Längst verkamen die Kommentarspalten auf Newsplattformen zu unkontrollierbaren digitalen Räumen, geprägt von Diskriminierung, Hetze und Verunglimpfungen. Ursprünglich als Rückkanal und Diskussionsplattform für die Leserschaft gedacht, empfinden Journalisten wie auch Leser die Kommentarspalten heute zunehmend als lästiges Übel. Hinter vorgehaltener Hand wünscht sich manch ein Journalist die Zeiten vor der massenweisen Kommentarflut zurück.

Verstopfte Kanäle

Nur: Indem man das Rad der Geschichte zurückdreht, lassen sich keine Probleme lösen. Gerade Beispiele wie das vorliegende zeigen, mit welchen Herausforderungen Journalisten sich besser heute als erst morgen auseinandersetzen sollten. Noch immer nehmen viele Schweizer Redaktionen die Moderation von Onlinekommentaren zu wenig ernst. Der Rückkanal zu den Journalisten ist nur ein vermeintlich offenes Fenster für die Nutzer. Zu oft arten Diskussionen in den Kommentarspalten aus, die digitalen Kanäle der gesitteten Diskussionskultur «verstopfen» und bringen manche Redaktion an den Rand des organisatorisch Möglichen. Zu oft wird deshalb auf jegliche Interaktion verzichtet. Journalisten betrachten ihre Arbeit als beendet, wenn sie den Artikel veröffentlicht haben. Auf eine Diskussion mit dem Publikum lassen sie sich gar nicht erst ein und vermitteln so den Eindruck, dass sie Kritik, Anregungen oder Zusatzinformationen gar nicht interessieren.

Um die Redaktoren von der Betreuung der Kommentare zu entlasten, haben viele Medienhäuser in den letzten Jahren so genannte «Freischalter» angestellt. Das sind häufig Studierende, die sich mit kleinen Pensen den Einstieg in den Journalismus ermöglichen wollen. Leider bleiben so eine einheitliche Auslegung der Spielregeln und ein direkter Draht zu den Journalisten meist auf der Strecke. Einen Schutz gegen schmutzige PR-Kampagnen, wie jene mit den bezahlten Onlinekommentaren gegen die Abzockerinitiative bieten diese Teilzeitmoderatoren kaum.

Kein Patentrezept

Wie so oft im digitalen Journalismus gibt es das Patentrezept nicht. Allerdings zeigt sich eine erfreuliche Tendenz: Wer sich ernsthaft mit der Moderation von Kommentaren auseinandersetzt, erreicht auf Dauer ein höheres Diskussionsniveau auf der eigenen Plattform.

Dieser Strategie hat sich auch «ZEIT ONLINE» verschrieben. Dort sichtet ein Team von Onlinemoderatoren bis zu 15’000 Kommentare pro Woche, allerdings erst nach der Publikation. Das Online-Moderationsteam ersetzt entfernte oder gekürzte Kommentare durch Moderationsanmerkungen, in denen sie die User bitten, sich an die Diskussionsregeln zu halten. Ausserdem beteiligen sich die Redakteure und Autoren regelmässig an den Diskussionen. Sie beantworten Fragen und gehen auf Gegenargumente ein. Sebastian Horn, zuständig für das Community-Management bei «ZEIT ONLINE», weiss aus seiner täglichen Erfahrung: «Gut argumentierte Beiträge bekommen mehr Antworten als andere Kommentare.» Für das Team bedeutet das Arbeit und Aufwand. Dass dereinst Maschinen die Arbeit der Online-Moderatoren übernehmen, bezweifelt Horn jedoch. «Zurzeit gibt es keine Algorithmen, die unsere Arbeit vollständig übernehmen. Allerdings gibt es einige technische Hilfsmittel, die unsere Handarbeit erheblich erleichtern.»

Technische Hilfsmittel werden in der Schweiz etwa bei «20 Minuten Online» angewandt. Fast 1,4 Millionen Kommentare haben die Nutzer im vergangenen Jahr auf der Newsplattform veröffentlicht. Dies bedeutet in erster Linie viel Arbeit: 18 Teilzeit-Mitarbeiter hat «20 Minuten Online» angestellt, meist arbeiten zwei bis drei Personen gleichzeitig. Laut eigenen Angaben kostet dieser Aufwand jeden Monat einen fünfstelligen Betrag. Im Gegensatz zu «ZEIT ONLINE» werden die Kommentare bei «20 Minuten Online» erst nach dem Verfassen von den «Freischaltern» publiziert. Diese werden durch Algorithmen unterstützt. Dabei sortiert ein Computer in einem ersten Sichtungsdurchlauf sämtliche Kommentare aus, die nur aus einem Wort bestehen, mehr als 30 Ausrufezeichen beinhalten oder in Dialekt oder einer anderen Sprache verfasst wurden. Erst nach dem zweiten, manuellen Sichtungsdurchlauf wird der Kommentar schliesslich publiziert.

Registrierung als Lösung?

Doch nicht nur Algorithmen und viel Manpower in der Bewirtschaftung der Kommentare ermöglichen eine hochstehende Diskussionskultur auf Newsplattformen. Vielmehr muss sich der Nutzer von den Medienmachern ernst genommen fühlen. Das Basler Online- und Wochenmedium «Tageswoche» setzt auf technisch basierte Transparenz: Um mitdiskutieren zu können, müssen sich sämtliche Nutzer vor ihrem ersten Kommentar registrieren. Somit kann jeder Kommentar auch künftig der entsprechenden Person über ein öffentliches Profil zugeordnet werden. Latente Hetzer und Nörgler fliegen schneller auf und werden früher oder später von der Community zur Rede gestellt. Neben technologischen Hilfsmitteln setzt die «Tageswoche» aber auch bewusst auf die Integration der User in den journalistischen Prozess. Interessante Kommentare werden von den Journalisten ausgewählt und gesondert dargestellt. Ausserdem wird aktiv in die Diskussion eingegriffen und wo nötig nehmen die Autoren selbst zu veröffentlichten Argumenten Stellung.

Zu Zeiten des digitalen Journalismus sollte auf einer Redaktion ebenso hart wie über die redaktionellen Inhalte auch über die Interaktion mit den Nutzern debattiert werden. «Community Management» gehört ebenfalls zur Arbeit eines Journalisten. Wer sich dem verschliesst, läuft Gefahr, künftig vermehrt in Fallen zu tappen und die Kontrolle über den Kommentarbereich zu verlieren.

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Journalistik-Seminars am Institut für Angewandte Medienwissenschaften und wurde ursprünglich auf medienkritik-schweiz.ch veröffentlicht.

Zusammenfassung der Reaktionen auf #kommentargate

5 Kommentare

  1. Direktlink: Dauerbrenner News Kommentare – ein Lösungsvorschlag » Jacqueline Badrans Blog

  2. Danke für die ZENSUR meiner zwei langen Comments. Damit haben Sie mich bestätigt.
    Gleichgeschaltete Medien. Ich hatte auch die 2 Buchstaben BR überlesen. Mein Fehler. Auch dieser Text wird sicher gelöscht. Na, auf den alternativen Seiten gibts einen Begriff für DIESE Medien, den nenne ich mal nicht, aber ist eine Anlehnung an das horizontale Gewerbe und es gibt ein langes Zitat, eines Mannes eine US-Zeitung, schon SEEEHR lange her, bei seiner Be-Rentung hielt Er eine Rede und sagte zu Leuten seines Standes: Das es intellektuelle Prostituirte seien. Ok, es geht um den Job, aber was die Medien mitzutragen haben…nur durch Sie sind diese Massenmorde erst möglich. Diese Kriege dank erlogener Gründe. Es würde kein Soldat in Krieg ziehen, wenn Sie wüßten was gespielt wird. Die Bürger würden sich wehren. Es geht um mehr als Bagatell-Delikt.
    Wie dumm ach so kluge Menschen sein können. Sich und die Menschheit in den Untergang zu führen. Seid stolz auf Euch. Arbeitslosigkeit wird in nicht ferner Zukunft unser kleinstes Problem sein. Selbst die größten Egoisten können doch nicht daran arbeiten wollen, sich und ihren Verwandten oder Kindern sowas antun zu wollen? Seid ihr überhaupt noch Menschen oder leere gebrainwashte, blinde Hüllen? Wenn IHR weniggstens streiken würdet oder intern rebellieren, sich verweigern…wenn die Zeitungen oder dem TV die Mitarbeiter wegblieben…würden Fragen gestellt.

    [..]

    Wenn die Medien uns die Wahrheit erzählen würden, wäre die Macht der kleinen Elite gebrochen. Wenn die Menschen den Schock verdaut hätten könnte es vorwärts gehen. Das geht nur mit Auklärung und ECHTER Information. Auch eine Zwangs-GEZ macht es nicht besser und ich hoffe sehr, es wachen noch genug auf. Trotz den Medien. Habe fertig.

    • Schade können Sie nicht zu Ihrem richtigen Namen stehen. Gerne hätte ich hier eine sachliche Debatte zur Qualität der Online-Kommentare geführt. Mit Ihrem Zensur-Vorwurf und der völlig themenfremden Aneinanderreihung von Arguementen – die ich in vorliegendem Kommentar strich – zeigen Sie leider exemplarisch, weshalb Online-Diskurse häufig im Keim erstickt werden.
      Da Sie auch in den beiden übrigen Kommentaren völlig am Thema vorbeischrieben, habe ich sie nicht freigegeben.

      • Solist Frank Herrmann

        Das ist mein richtiger Name. Wie an der Email-Adresse erkennbar. Es ist normalerweise üblich in Portalen, Chats mit Nick zu texten, das ist die Regel und wenn möglich benutze auch anderswo den gleichen oder Ähnlichen und wechsle nicht. Ich finde die Begründung schon interessant. Ich sprach die Zensue an. Welche DIE REGEL ist und WICHTIGE THEMEN über die FALSCH oder gar nicht berichtet wird. Schade, das Sie darauf nicht eingehen.
        Ebenso finde ich spannend, welche Antworten bisher zu lesen sind, die das Gebaren der Medien nicht ankreiden. Es gibt massig Beispiele dazu. Politiker verfahren genauso und wer nicht blind konsumiert, bzw. nachhakt und auch Fakten zur Sprache bringt wird blockiert. Von Zensue bei Youtube, Virenattacken bis hin zum Polizeieisatz bei den alternativen Aufklärern mal abgesehen…aber da es ja offenbar unerwünscht ist heikle Themen freizugeben und die Chance damit sinkt, belasse ich es mal dabei. Zumindest Sie haben es gelesen und ich kann nur hoffen, das es Wirkung hinterläßt…Wie ich sagte…schon im eigenen Interesse sollte es sein. Es betrifft alle Menschen.

  3. Direktlink: Kommentare kaufen ist nicht Guerilla-PR « Die MEDIENWOCHE – Das digitale Medienmagazin

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