Gastartikel: Kann Service Public medienkonvergent sein?
Ab 2011 bilden Schweizer Fernsehen SF und Schweizer Radio DRS zusammen die Unternehmenseinheit «Schweizer Radio Fernsehen SRF». Aus diesem Grund referierte am Mittwoch, 1. Dezember, dessen neuer Direktor, Rudolf Matter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW über den Zusammenschluss und die daraus resultierenden Folgen. Im Zentrum stand dabei die angestrebte Medienkonvergenz.
Die Zuhörerschaft des Radios schrumpft kontinuierlich, Privatsender haben mehr unter dem Schwund zu leiden als die öffentlich-rechtlichen Sender. Vor allem junge Hörer schalten den klassischen Radioapparat seltener ein, sie nutzen den Rundfunk eher über mobile Geräte wie zum Beispiel Handys und Smartphones. Auch im klassischen Fernsehen ist eine Minderung der Einschaltquoten spürbar, hier greift das jüngere Semester ebenso lieber zum Internet. Die «Ich-schaue-nur-was-ich-will»-Mentalität der schon Web-geübten Generation zwingt das «SRF» zum Umdenken. Studien in den USA haben ergeben, dass vor allem ältere, tendenziell schlecht gebildete Menschen mit kleinem Einkommen die klassischen Medien wie Radio und Fernsehen nutzen. Zusammenfassend kann man also sagen, dass Radio und Fernsehen vom eher älteren Semester konsumiert werden und dass das Internet für die jüngere Generation eine höhere Wichtigkeit hat – keine grossen Neuigkeiten eigentlich.
Gleicher Output für mehrere Zielgruppen
Die stagnierende Nutzung der klassischen Medien zwingt das «SRF» zum Ausbau des Internetangebots. Ihr bisheriges Angebot wird laut Matter bereits rege genutzt, vor allem die nonlineare Nachfrage nach Medieninhalten, z.B. Podcasts und «Videos-on-Demand» ist merklich angestiegen.
Die Finanzierung bei den klassischen Medien geschieht bekanntlich zu einem hohen Anteil durch Werbung. Um im Internet auf gleiche Einnahmehöhe zu kommen, muss aber noch Einiges getan werden. Da der letzte Antrag auf eine Gebührenerhöhung nach den Worten von Matter «kläglich gescheitert» war und man auch in naher Zukunft keinen zweiten Versuch starten wolle, müsse man mit dem selben Budget wie früher arbeiten. Dies bedeute, mit demselben Betrag nicht nur die beiden klassischen Medien Radio und Fernsehen, sondern neu auch das Internet zu finanzieren. Es müsse also mit gleich viel Geld wie zuvor, mehr Output erzeugt werden. Ziel sei, sowohl die über 40 Jahre alten Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit Radio und Fernsehen aufgewachsen sind, als auch die jüngere, internet-gewandtere Kundschaft an sich zu binden. Dieser Aspekt habe unter anderem zum Entscheid der Zusammenlegung von Radio und Fernsehen beigetragen.
Aus der Vergangenheit lernen
Der «SRF»-Direktor ist mit der momentanen Situation seiner Sender zufrieden. Um aber auch in zwei, drei Jahren noch federführend zu sein, müsse man nebst dem heutigen Angebot neue Inhalte fürs Internet schaffen, meint er. Diese Inhalte müssten eigenständig sein und sich durch besondere Qualität auszeichnen. Auch sei es bedeutsam, sich sehr schnell und konsequent an jeden Kanal anzupassen, der sich neu öffnet oder noch öffnen wird. «Da waren wir bisher, glaube ich, viel zu langsam», räumte er ein. Als Beispiel für ein Versäumnis nannte er die vergangene Fussball-WM: SF habe fast alle Spiele übertragen, doch man versäumte es, rechtzeitig eine «I-Application» zu programmieren wie die Zeitungskonkurrenten. Rechtlich gesehen, sei es erlaubt, etwas weiterzusenden, was bereits gesendet wird. So warben zum Beispiel der «Blick» oder der «Tages-Anzeiger» damit, als einzige Medienunternehmen die Fussballspiele mit Hilfe von Apps auf mobile Geräte übertragen zu können. Beim SF war man aber nicht in der Lage, die Spiele ausreichend schnell auf mobilen Endgeräten anbieten zu können und musste deshalb die Konkurrenz die Vorschusslorbeeren ernten lassen.
Ältere Journalisten werden durch internetaffine ersetzt
Matter hält eigentlich die Redaktionen im Umgang mit Webinhalten für genügend fit. Es würden jedes Jahr ein Teil von Mitarbeitern pensioniert. Diese freien Arbeitsstellen besetze man meist mit jungen internetaffinen Journalisten. Wie «SRF» mit dem Web umgehen will, welche neuen Plattformen dazu entwickelt werden und in welchem Rahmen solche Plattformen auch die jüngere Kundschaft vermehrt abholen soll, wollte Matter noch nicht preisgeben. Da sich das Schweizer Fernsehen und Radio als Leitmedien im Schweizer Publizistikangebot sehen, muss es meiner Meinung nach äusserst fortschrittlich handeln, was die Möglichkeiten des Web 2.0 anbelangt. Mit grösster Spannung können wir dem 16. Dezember entgegensehen, an welchem Tag die Website der neuen Unternehmenseinheit online gehen wird.
Publizistische Konkurrenz trotz Zusammenschluss
Tatsache ist, dass die publizistische Vielfalt in der Schweiz zurückgegangen ist. Um diesen Vorgang nicht weiter zu beschleunigen, habe man trotz dem Zusammenschlusses von Radio und Fernsehen vielerorts die Redaktionen nicht vereinigt. Zudem würde im Falle von Redaktionsvereinigungen die publizistische Macht von Chefredaktoren ins Unermessliche steigen. «Radio- und Fernsehjournalisten werden miteinander im Wettbewerb stehen und ich kann versichern, dass unsere Journalisten diesen Wettbewerb ziemlich ernst nehmen», bekräftigte Matter.
Medienkonvergenz zuerst bei Literatur und Sport
Man werde aber multimedial zusammenarbeiten, versichert Matter. Unter anderem werde das Internet- und Newsangebot zusammengeführt und ab 20. Dezember gemeinsam betrieben. Des Weiteren würden einzelne spezifische Fachbereiche fusioniert; etwa die Sport- und die Kulturplattform wolle man vereinigen und ausbauen. Beispielsweise gäbe es momentan drei Literaturredaktionen: diejenige, des Literaturclubs auf «SF1», diejenige des «DRS2» und diejenige des «DRS1». Diese Redaktionen würden nun zusammengelegt, ohne jemanden zu entlassen. Für die Journalisten würden interessante Arbeitsstellen entstehen, meinte Matter. Ab sofort müsse crossmedial kreativ gewirkt werden: Einmal im Monat wird auf «SF» eine Literatursendung ausgestrahlt. Jeden Sonntagvormittag sendet «DRS2» eine Literatursendung und unter der Woche greift «DRS1» laufend literarische Themen auf. Eine Internetplattform, auf der Beiträge über Literatur zu finden sind, wurde nicht erwähnt. Demnach kann man meines Erachtens hier nicht von einer «totalen» Medienkonvergenz sprechen.
Neben der Literaturredaktion erwähnte der «SRF»-Direktor auch die Sportabteilung, die medienkonvergent konzipiert werde. Nach dem Zusammenschluss beinhaltet diese neu über 120 Mitarbeitende.
Bringt Medienkonvergenz die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer zurück?
Man darf sicherlich gespannt sein, wie das neue Schweizer Medienunternehmen «SRF» in zusammengelegter Form arbeiten wird. Persönlich interessiert mich vor allem, wie die selbst ernannte Medienkonvergenz im Alltag sichtbar gemacht werden soll. Wenn «SRF» weiterhin ein «Leitmedium» bleiben will und zugleich die Absicht hat vermehrt junge Mediennutzer anzusprechen, müssen die Verantwortlichen intelligente und innovative Weblösungen auf den Markt bringen. Eine iPhone- und iPad-App war dabei nur der erste Schritt. Weitere clevere Ideen müssen folgen, um sich vom «normalen» Medienangebot abheben zu können und um sich als exklusiver Newslieferant beweisen zu können.
Über den Autor:
Marius Grieder, gelernter Polygraf, studiert im ersten Semester Journalismus und Organisationskommunikation am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW in Winterthur. Nebenbei interessiert er sich für Neue Medien, elektronische Musik und ästhetische Gestaltungen aller Art.
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