Während uns aus Japan eine nach der anderen Schreckensmeldung erreicht, hat sich im Online-Journalismus unbemerkt eine neue Darstellungsform etabliert: der Newsticker. Der neue Weg der Berichterstattung könnte sogar dereinst den Journalismus in seinen Grundfesten verändern.

Eigentlich bekannt aus der Sportberichterstattung, hat sich der Newsticker in den letzten Tagen zum Allerweltsmittel in der Onlineberichterstattung gemausert. Schnell kann mit der Darstellungsform im Nachrichtenagenturen-Stil auf neuste Entwicklungen reagiert werden. Angelehnt an die Kurzmitteilungen auf Twitter, experimentieren verschiedenste Onlinemedien mit der neuen Darstellungsform. Werden mit der neuen Berichterstattungsart vielleicht dereinst sogar die journalistischen Grundfeste der umgekehrten Pyramide über den Haufen geworfen?

20 Minuten Online überzeugt

Ein Onlinemedium, das Newsticker bereits seit Längerem konsequent einsetzt, ist 20 Minuten Online. Nicht nur in der Sportberichterstattung, sondern auch bei wichtigen Medienkonferenzen hat die Online-Redaktion unlängst die Ticker-Berichterstattung etabliert. Auf dieses Wissen können die Redaktoren nun zurückgreifen. Während der Katastrophen in Japan haben es die tickernden Journalisten geschafft, sich mit einem qualitativ hochstehenden und umfassenden Angebot zu positionieren. Neue Entwicklungen werden erklärt, relevante Ideen der Konkurrenz im eigenen Ticker verlinkt und das Ganze mit Bildern und Videos angereichert.

Nachdem sich in Japan eine AKW-Katastrophe abzeichnete und klar wurde, dass dieses Thema somit die Berichterstattung über Tage hinweg prägen wird, hat die Redaktion prompt reagiert. Das Layout des Newstickers wurde innerhalb der iPhone- und iPad-App optimiert und Videobeiträge auf HTML5-Basis umprogrammiert. Auch im Webbrowser kann der Ticker überzeugen. Zumal dadurch, dass 20 Minuten Online ein automatisiertes Updaten der Timeline programmiert hat. Ein Feature, das der Konkurrenz bis heute fehlt.

Newsnetz macht’s graphisch, Blick verschreibt sich, SF bietet Überblick

Nebst 20 Minuten Online versuchen auch die übrigen Online-Plattformen mit ihren Newstickern zu glänzen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Bei den Websites des Newsnetzes (tagesanzeiger.ch, bernerzeitung.ch, bazonline.ch, u.a.) setzt man vor allem auf graphische Elemente. Anhand einer interaktiven Karte werden im Webbrowser die wichtigsten Standorte aufgezeigt und Mehrinformationen geliefert. Zudem versuchen die Redaktoren auch hier, mittels multimedialer Elemente die Berichterstattung anzureichern. Allerdings sind die Videos Flash-basiert, d.h. auf dem iPhone und iPad ist es unmöglich, sie anzuschauen. Gleichzeitig kämpft man bei Blick.ch vor allem mit den Tücken der deutschen Sprache.

Im Gegensatz dazu bietet das Schweizer Fernsehen einen leicht verständlichen Tagesüberblick mit einer Kurz-Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die an diesem Tag geschehen sind. Somit kann sich auch jemand, der mit den aktuellsten Geschehnissen weniger vertraut ist, ein Bild der momentanen Situation machen.

Auf dem Online-Portal der Neuen Zürcher Zeitung versuchen die Redaktoren eine Übersicht anhand zusammengestellter Agenturen-Infos zu gestalten. Eine eigentliche Live-Berichterstattung fehlt allerdings.

Umsetzung auf iPhone und iPad im Überblick

iPhone-App von 20 Minuten am 18. März 2011
iPhone-App von 20 Minuten am 18. März 2011
iPhone-App des Schweizer Fernsehens am 18. März 2011
iPhone-App des Schweizer Fernsehens am 18. März 2011
iPhone-App des Newsnetzes (BZ) am 18. März 2011
iPhone-App des Newsnetzes (BZ) am 18. März 2011

 

 

 

 

 

iPad-App von 20 Minuten am 18. März 2011
iPad-App von 20 Minuten am 18. März 2011
iPad-App des Schweizer Fernsehens am 18. März 2011
iPad-App des Schweizer Fernsehens am 18. März 2011
iPad-App des Newsnetzes (TA) am 18. März 2011
iPad-App des Newsnetzes (TA) am 18. März 2011

 

Und danach?

Es bleibt die Frage, welche Form der Berichterstattung sich in Zukunft durchsetzen wird. Werden künftig Geschichten nur noch live und demnach chronologisch nacherzählt? Wie kann sichergestellt werden, dass trotz Aktualitätsdrang nicht nur die Anzahl der geposteten Nachrichten zählt, sondern die Sicht auf korrekte Daten und Sprache nicht verloren geht? Fragen, die sich wohl automatisch in Zukunft beantworten werden – die nächste über Tage beherrschende Berichterstattung folgt bestimmt.

4 Kommentare

  1. Samuel Buchmann

    Ein Problem dieser Newsticker sehe ich darin, dass ein nicht vor-informierter Leser mühe hat, sich im Geschehen zurechtzufinden. Gerade beim Newsnetz gibt es zum Beispiel keinen zusammenfassenden Artikel zur Atom-Katastrophe. Zwar werden von Zeit zu Zeit kleine Zusammenfassungen in die Ticker gepostet, diese werden aber relativ schnell von neuen Meldungen verdrängt.

    Überigens wird auch der TA-Ticker automatisch aktualisiert, nicht nur der von 20 Minuten.

    Einen extrem umfangreiches Angebot bietet überigens BBC News: http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-12307698 – es werden rechts die wichtigsten Punkte aufgelistet, links läuft der Live-Ticker. Zusätzlich gibts “normale” Artikel über die aktuellsten Geschehen und zahlreiche Grafiken, FAQ’s und Erklärstücke zum Erdbeben, Atomkraftwerken, GAUs usw.

    • TA-Ticker: Das automatische Aktualisierungsfeature muss ziemlich neu sein. Bis vor Kurzem stand da stets der schöne Satz «Aktualisieren Sie diese Seite mit F5»…
      BBC: Looks quite nice – vor allem die Umsetzung mit den Tabs gefällt mir sehr und ist äusserst nützlich.
      Danke für die Inputs.

  2. Direktlink: Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung | Philippe Wampfler bloggt.

  3. Direktlink: Angry Sascha is angry.» Blog Archive » Qualitätsjournalismus mag wohl Amokläufe. Und Autismus.

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