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Wie Journalisten Facebook sinnvoll nutzen könnten

Vor einigen Wochen lancierte Facebook ein Programm, um Journalisten nebst Twitter auch vermehrt auf ihrer Plattform vertreten zu haben. Dazu
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Vor einigen Wochen lancierte Facebook ein Programm, um Journalisten nebst Twitter auch vermehrt auf ihrer Plattform vertreten zu haben. Dazu hat Vadim Lavrusik, Verantwortlicher des Facebook-Journalisten-Programms, Mitte Mai eine Anleitung für Journalisten geschrieben. Darin gibt Lavrusik Tipps, wie Medienschaffende mit eigenen Facebook-Seiten am sinnvollsten arbeiten. Im Folgenden übersetzte ich Lavrusiks Anleitung für Journalisten aus dem Englischen.

Der Facebook-Newsfeed, die laufend aktualisierten Nachrichten auf der Startseite also, sind im Grunde eine Zeitung nahestehender Personen. Durch diesen Newsfeed erhalten wir alle für uns relevanten Informationen über Freunde, Journalisten und Medienhäuser, die wir mögen. Dies beginnt beim Beziehungsstatus des besten Kollegen und endet bei Reaktionen von einer Kollegin zu einem brisanten Zeitungsartikel. Nicht der Inhalt zählt, sondern die Person, die uns die Information liefert.

In diesen Gesprächen können Journalisten einen umso grösseren Teil übernehmen. Obwohl bereits viele Journalisten ein privates Facebook-Profil haben, ermöglichen Facebook-Seiten den beruflichen vom privaten Teil des Lebens abzugrenzen. Kommt hinzu, dass Facebooks Profile auf 5000 Freunde begrenzt ist. Bei öffentlichen Facebook-Seiten ist das Limit gegen oben offen.

Mit diesen Voraussetzungen folgen nun einige Tipps, wie Journalisten mithilfe von Facebook-Seiten ihre Berichterstattung ulnd das Geschichten erzählen (Storytelling) verbessern.

Distribution

Distribution via Medienhaus vs. Distribution via JournalistViele Medienhäuser und Journalisten brauchen ihr Facebook-Profil, um Inhalte weiterzureichen. Dies ermöglicht dem Leser zum einen seine Meinung zu den Inhalten kund zu tun und zum anderen erhöht es die Nutzerzahlen der Onlineportale. (Durchschnittlich stiegen seit Anfang 2010 die Facebook-Weiterleitungen auf Onlineportalen um 300%.)

Via Facebook-Seiten können Journalisten ihre Arbeit einem viel breiteren Publikum als nur den eigenen Freunden präsentieren. Auf der anderen Seite können Leser Inhalte direkt bei Journalisten und nicht bei Medienhäusern «abholen», was eine wertvollere Erfahrung im Umgang mit Nachrichten zur Folge hat. Es geht nicht länger um die Geschichte, die anderen Personen mitgeteilt wird, sondern viel mehr um die Person, die hinter den mitgeteilten Beiträgen steht und was sie zu berichten hat. Gefällt Ihnen also «Konrad Weber», so sind es nicht nur die Berichte und Artikel, die ich Ihnen liefere, sondern es ist die Art und Weise, wie ich mit Ihnen kommuniziere.

Geschichten erzählen 2.0

Qualitativ guter Journalismus hat es verdient, speziell präsentiert zu werden. Seien es kurze Nachrichten von unterwegs, Videos, Fotoalben oder längere Texte, die mithilfe der Notizen-Funktion verfasst wurden – die Facebook-Seiten erlauben es Journalisten verschiedenste Inhalte für ihre Leser zu kreieren. Zum Beispiel Nicholas Kristof, Journalist bei der New York Times, veröffentlicht während er auf Reportage ist auf seiner Facebook-Seite regelmässig Kurznachrichten. Manchmal geben diese Nachrichten einen Blick hinter die Kulisse seiner Tätigkeiten, während andere direkt vom Inhalt der Geschehnisse berichten. Und diese Kurznachrichten landen direkt auf der Facebook-Startseite von mehr als 200’000 Leuten, die Nicholas Kristof als «öffentlichen Freund» auf Facebook hinzugefügt haben. So bahnt sich eine Kurznachricht den Weg durch das gesamte Social Network.

Privat vs. beruflich

Facebook-Seiten ermöglichen Journalisten zwischen ihrem privaten und beruflichen Leben zu unterscheiden. Vor allem im Hinblick auf die Quellennutzung ist dies von grossem Vorteil. Möchte jemand einem Journalist einen Hinweis für eine Geschichte liefern, hat der Journalist nicht länger das ethische Dilemma, sich seiner Quelle auch privat offenbaren zu müssen. (Kommt hinzu, dass es einigen Personen, die als Quelle fungieren, unangenehm ist, sogleich mit einem Journalisten «befreundet» zu sein.) Sucht also jemand nach dem Namen eines Journalisten, kann sich diese Person bequem via Facebook-Seite an den Journalist wenden.

Den eigenen Namen vermarkten

Kein Journalist hört gerne, dass er sich selbst vermarkten müsse. Fakt ist aber, dass Facebook und Twitter diesen Trend verstärkten. Zu Beginn vermarkteten höchstens Kolumnisten und Fernsehmoderatoren, deren Köpfe vom täglichen Newskonsum bereits bekannt waren, ihren Namen. Die restlichen Journalisten versteckten sich in einem kryptischen Kürzel.

Den eigenen Namen vermarktenDie rasante Zunahme von Profilen im Web 2.0 und das Aufkommen von Blogs, gepaart mit einer gesteigerten Google-Suche, erlaubt es Lesern innert kürzester Zeit alle möglichen Inhalte von Journalisten ausfindig zu machen. Dem gegenüber erhielten Journalisten eine um vieles grössere Plattform, um mit ihrer Leserschaft zu interagieren, was wiederum zu mehr Freiheit in der Art der Berichterstattung führte. Selbstverständlich war die grössere Plattform nicht nur den Journalisten vorbehalten, sondern führte allgemein zu mehr Stimmen und so auch zu mehr Lärm. Umso mehr braucht ein Journalist deshalb eine eigene Marke.

Dass die Marke des Medienhauses und die damit aufgebaute Glaubwürdigkeit dabei nicht untergraben werden darf, ist klar. Aber das Web 2.0 hat einen Raum geschaffen, in welchem die Diskussion eben so wichtig ist, wie der Inhalt an und für sich und das Private mit dem Beruflichen vermischt. Der Weg vom Logo zum Gesicht ist ein kleiner. Ein berufliches Profil, also eine Facebook-Seite, ist ein erster Schritt zur persönlichen Marke und hilft, eine eigene Leserschaft aufzubauen. Natürlich spricht das Handwerk und die Arbeit eines jeden Journalisten für sich selbst. Doch verstärkt eine persönliche Marke im Internet bei der Leserschaft die eigene Glaubwürdigkeit und Identität als Journalist.

Multimediales Präsentieren

Mehr als 100 Millionen Fotos werden täglich auf Facebook hochgeladen. Somit ist Facebook das grösste Foto-Album der Welt. Und auch die Freude am Videos-Hochladen steigt. Als solches ist Facebook die perfekte Plattform für Foto- und Videojournalisten, um ihre Arbeit zu präsentieren.

Doch es gibt auch andere Beispiele, wie man die multimedialen Möglichkeiten von Facebook als Journalist ausreizen kann. So zum Beispiel Diane Sawyer, die ihre Zuschauer regelmässig hinter die Kulissen ihrer Interviews blicken lässt. Oder ein anderes Beispiel: Als eine Fernsehstation aus Tallahassee technische Probleme hatte, wurden die Nachrichten via Facebook-Seite an die Zuschauer geliefert. So konnten die User auch ihren Freunden mitteilen, was gerade geschah und erst noch ihre Kommentare hinzufügen.

Breaking News

Im Gegensatz zu Twitter erlaubt Facebook seinen Nutzern die Startseite zu filtern. Unterschieden werden «Hauptmeldungen» und «Neueste Nachrichten». Sind die «Neuesten Nachrichten» angewählt, sieht der User die Nachrichten in Echtzeit eintreffen. Das erlaubt Journalisten und Medienhäusern ihre Leserschaft stets auf dem Laufenden zu halten.

Es gibt einige Beispiele aus der aktuellen Weltgeschichte, bei welchen auf Facebook-Seiten die Nachrichten in Echtzeit Warnungen an die Leserschaft vermittelten oder Leser ihre Bilder auf den News-Seiten publizierten. Haben Journalisten ihre eigenen Facebook-Seiten, können News-Seiten ihre Mitarbeiter verlinken und so zu einer erhöhten Transparenz beitragen.

Wenn der Inhalt aus der Leserschaft stammt

Je mehr Menschen im journalistischen Prozess mitmischen, umso besser sind wir informiert. Eine Erkenntnis, die Jay Rosen – begnadeter Journalismusforscher aus den USA – nach 25 Jahren Forschung veröffentlichte.

Facebook QuestionsGeschieht ein Unglück, können Medienschaffende nicht überall vor Ort sein. In solchen Situationen sind die Medien auf die Mithilfe der Leserinnen und Leser angefordert. Immer mehr werden Bilder und Videos, die auf Facebook veröffentlicht wurden, später auch in Zeitungen, auf Online-Plattformen und im Fernsehen verwendet. Ein anderes Beispiel ist die Fragefunktion, die Facebook unlängst lancierte. So hat zum Beispiel Fareed Zakaria seine Leserschaft zu Themen befragt, über welche er berichten soll und anschliessend über mögliche Interviewfragen auf Facebook abstimmen lassen.

Wie aktiviert man seine Leserschaft?

Facebook-Administratoren können sich als Facebook-Seiten einloggen und erlaubt es ihnen als solche (und nicht mit dem eigenen privaten Profil) auf Facebook zu agieren. Zudem erhalten die Seiten-Administratoren automatisch eine Benachrichtigung, falls jemand aus der Leserschaft mit der Seite interagiert. Nebst dem, dass Facebook-Seiten Hilfen, eine eigene Leserschaft aufzubauen, ist es auch ein gutes Hilfsmittel, um die eigene Leserschaft zu bewirtschaften. Diskussionen um eine Geschichte herum werden ebenso wichtig, wie die Geschichte selbst. Der Entstehungsprozess und die Rückmeldungen danach bereichern die Geschichte und führt dazu, dass die Leser schlussendlich besser informiert sind.

Den eigenen Nachrichtenfluss formen

Ähnlich wie bei Twitter, können einzelne Facebook-Seiten auch anderen Facebook-Seiten folgen. So können Journalisten sicherstellen, dass sie auf ihrer Startseite (nachdem sie sich als Facebook-Seite eingeloggt haben) stets aktuellste Informationen von anderen Organisationen oder Personen angezeigt erhalten. Dies hilft zudem Privates mit Beruflichem zu trennen und verhindert allfällige Interessenkonflikte.

Vor allem für Politjournalisten, die nicht mit ihrem privaten Profil bei einer bestimmten Partei oder einem Kandidaten auf «Gefällt mir» klicken möchten, ist diese Funktion ziemlich spannend. Somit ist auch für andere User klar ersichtlich, dass die eigenen Handlungen im Rahmen des Arbeitsumfeldes geschehen und nicht die eigene Meinung repräsentieren.

Unterwegs aufdatiert

Journalismus geschieht im Feld, bei den Leuten, an der Front. Facebook-Seiten können mit einem Smartphone oder einem Handy einfach verknüpft und noch leichter aufdatiert werden. Fotos oder Kurznachrichten können auch via Mail oder SMS an die eigene Pinnwand «geheftet» werden.

Facebook-Seiten mithilfe von Apps ausbauen

Facebook AppsFacebook-Seiten umfassen eine Fülle an Applikationen (Kleinst-Software), die angewandt zu einem noch grösseren Nutzen für die Leserschaft führt. So kann zum Beispiel ein massgeschneidertes Kontaktformular ganz einfach über eine neue Unterseite der Facebook-Seite hinzugefügt werden. Eine Möglichkeit für die Leser, direkt mit dem Journalisten/der Journalistin privat in Kontakt zu treten. Ganz nach Lust und Laune kann im App-Verzeichnis nach weiteren Apps gesucht werden.

Medienhäuser und Journalisten haben verschiedenste Applikationen bereits programmiert. So zum Beispiel ein Livestream, um bewegte Bilder direkt via Facebook zu übertragen oder die Möglichkeit einer Willkommensseite, um neue User zu begrüssen.

Auswerten leicht gemacht

So genau konnten Journalisten ihre Leserschaft noch nie auswerten. Dank «Facebook Insights» können Nutzer und Besucher der Facebook-Seite genaustens analysiert werden.

Facebook Insights«Facebook Insights» ermöglicht es dem Journalisten sich seine eigene Leserschaft besser vorzustellen. Das bedeutet nicht, dass künftig die Berichterstattung nur den Klickzahlen angepasst werden muss. Vielmehr sollte sich der Journalist in seine Leser hineinversetzen können und sich deren Bedürfnisse vorstellen können.
Dies führt dazu, dass Journalisten nicht länger nur für die Produktion von Inhalten, sondern auch für deren Distribution verantwortlich sind. Und somit auch die Wirkung ihrer Arbeit erhöhen können.

 

 

Verfasst durch Vadim Lavrusik. Übersetzung von Konrad Weber.