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Fernsehen in der Kritik – wenn der Zuschauer nachfragt

«Weshalb haben Sie zu diesem Thema nur eine Nachricht gemacht?»,  «Warum bildet dieser Beitrag den Sendungsaufmacher?» Solche und weitere Fragen
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«Weshalb haben Sie zu diesem Thema nur eine Nachricht gemacht?»,  «Warum bildet dieser Beitrag den Sendungsaufmacher?» Solche und weitere Fragen werden seit September einmal wöchentlich beantwortet – nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland beim ZDF. Mit «heute plus» wurde dort eine interaktive Fernsehsendung geschaffen, die mehr Transparenz herstellen will. Und auch in Frankreich versucht man sich neuerdings an der webbasierten Zuschauerkritik.

Immer mittwochs gleich nach den «heute»-Nachrichten auf ZDF, stehen die jeweilige Moderatorin und der Sendungsverantwortliche dem Publikum, einem ausgewählten Zuschauer (der sich zuvor bewerben musste) und der Moderatorin Red und Antwort. «heute plus» nennt sich die 20-minütige Sendung, in welcher die Themen der ZDF-Nachrichten diskutiert, begründet und analysiert werden. Oft nutzen die Protagonisten die Sendezeit auch, um die Tricks des neuen und hauptsächlich Computer simulierten Studios zu erläutern. Trotzdem fallen immer mal wieder kritische und spannende Fragen, etwa in der aktuellen Sendung, ‚weshalb die Verstrickungen um Bundespräsident Wulff in der Sendung nicht erwähnt wurden.‘

Immerhin ein Versuch

Die Diskussionen verlaufen meist gesittet und in angenehmer Atmosphäre. Die «heute plus»-Moderatorin hakt selten nach, respektive lässt viele Antworten unhinterfragt stehen. Wo kritisiert wird, folgt sogleich Lob und nach 20 Minuten lautet das Fazit fast immer: ‚Eigentlich machen wir doch eine richtig gute Sendung.‘

Trotzdem muss man dem ZDF für das gewagte Experiment gratulieren. Es ist ein erster Schritt für mehr Transparenz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Obwohl sich in letzter Zeit auffällig viele Unternehmen Transparenz auf die Fahne geschrieben haben, ist ein solcher Erklärungsschritt im Live-Fernsehen einzigartig.

Nicht zwingend am Fernsehen

In Frankreich geht man sogar noch einen Schritt weiter: Mitte November gründete «France TV info» eine Nachrichtenplattform im Netz, welche Social Media und Broadcast-News verbinden will. Dabei können sich die Zuschauer auch aktiv am Programm und den Nachrichten von France TV beteiligen. Das französische Experiment zeigt, dass Publikumseinbindung nicht explizit im selben Vektor stattfinden muss. Immerhin kann sich das Publikum beim französischen Modell rund um die Uhr einmischen und muss nicht geduldig die wöchentlichen 20 Minuten Sendekritik – siehe ZDF – abwarten.

Kritik stösst auf verstopfte Ohren

Obwohl beide Ansätze einen grossen Schritt in die richtige Richtung darstellen, resultiert der laue Nachgeschmack, die Transparenz werde nur der Transparenz Willen eingesetzt. Sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich fehlt es an einer ernsthaften Umsetzung. In beiden Fällen hat die Kritik bis zum jetzigen Zeitpunkt bei den Fernsehmachern nichts verändert. Diese versuchen zwar ihre Entscheidungen während der Sendung zu erklären, sehen aber eine Änderung im System nicht vor. Und dort setzt das Problem mit dem Zuschauereinbezug an. Merken die Zuschauer nämlich, dass sie mit ihrer Kritik nichts im Sendeablauf verändern können, ziehen sie sich mit ihren Anmerkungen zurück und verringern im schlimmsten Fall den Medienkonsum. Vor allem bei aktuellen Hintergrundssendungen im Fernsehen ist dieser Prozess bereits feststellbar.

Einsdreissig reichen nicht mehr

Wie bereits Peer Schader im Fernsehblog der Frankfurter Allgemeine richtigerweise festgehalten hat, reichen dem Publikum in einer stets komplexeren Welt Nachrichten in «Einsdreissig» nicht mehr. Denn die Zuschauer setzen sich oft mit einem gewissen Vorwissen, das sie über den ganzen Tag auf verschiedenen Kanälen aufgenommen haben, am Abend vor den Fernseher. Mit einer ernster genommenen Publikumsbeteiligung könnten Fernsehmacher bereits im Vorfeld ihrer Sendung abtasten, welche Themen interessieren und wo Informationsbedarf beim Zuschauer herrscht.

In «heute plus» fällt auf, dass die grossartige Idee, die hinter dem vielgelobten Transparenzausbau steckt, bei der «heute»-Moderatorin und dem Sendeverantwortlichen noch nicht ganz angekommen zu sein scheint. So bemerkte etwa die «heute»-Moderatorin Petra Gerster während der Sendekritik (ab Minute 10:20) mit «heute show»-Satiriker Oliver Welke ironisch: «Es wäre ja dumm, wenn ich jetzt schon zu Hause sein könnte…».

Soll der Siegeszug des Mediums «Fernsehen» in Zukunft weitergehen, braucht es in erster Linie kritikfähige Journalisten. Fernsehmacher, die ihr Publikum ernst nehmen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Egal auf welchem digitalen oder analogen Weg sie diese vernehmen.