Wie können Daten in Social Networks überprüft werden? Wer im Netz journalistisch tätig ist, sollte sich diese Frage täglich stellen. Im ersten Teil meiner Trilogie zur Verifikation von Inhalten in Social Media ging es um die Vorbereitungen auf Newsereignisse, die Nerven und Zeit kosten. Im zweiten Teil widmen wir uns dem Faktencheck im Ernstfall.

Journalismus wird vor allem dann spannend, wenn Ereignisse unvorhersehbar sind. Auch in Zeiten einer rasanten Digitalisierung unserer Gesellschaft kann man sich auf solche Anlässe vorbereiten. Noch immer gilt allerdings in Sachen Onlinejournalismus in vielen Medienhäusern die Devise «erst publizieren, dann verifizieren» – ein Affront gegenüber der jahrelangen Qualitätsdiskussion im Journalismus. In folgender Liste stelle ich Tools vor, mit welchen Journalistinnen und Journalisten auch unter Zeitdruck digitale Inhalte überprüfen können:

Verifizierung von Twitter-Accounts

  • Twitter-Biografie beachten (als wer/was gibt sich die Person aus?)
  • Namen sowie Twitter-Benutzernamen googlen (verfügt die Person über andere Profile im Netz?)
  • Followee und Follower analysieren (mit wem vernetzt sich die Person? wer folgt dem Profil?)
  • Website analyiseren (falls in der Biografie eine Website angegeben wurde, diese mit Whois überprüfen)
  • Eröffnungszeitpunkt analyiseren (seit wann twittert die Person?)
  • Tweetstats anwenden (zu welchen Themen und welchem Zeitpunkt twittert die Person?)
  • Direkt nachfragen (antwortet die Person auf eine direkte Anfrage via Twitter?)

Verifizierung von Websites

Verifizierung von Bildern

  • Metadaten des Bildes analysieren (was sagen die ausgelesenen Exif-Daten über den Aufnahmezeitpunkt und die Kamera aus?)
  • Vergleiche herstellen (sind bereits andere Bilder derselben Region im Netz vorhanden? sieht die Region auf Google Maps ähnlich aus?)
  • Rückwärts analysieren (was sagt die Google Reverse Images Search über das Bild aus? bringt tineye.com dieselben Resultate zum Vorschein?)
  • Bildinhalte analysieren (stimmen Kleider, Strassen, Sprachen, Häuser, Fahrzeuge, Flaggen, Nationalsymbole usw. mit der angegebenen Region überein?)
  • Wetter analysieren (stimmen die Wettervorhersagen mit dem angegebenen Ort und Zeitpunkt überein? auch wolframalpha.com befragen)
  • Urheber eruieren (den Fotografen z.B. via Skype direkt ansprechen; resp. ihn bitten, nochmals ein Bild mit einem Wahrzeichen des Ortes machen – Exif-Daten auslesen)
  • Genau hinsehen (stimmen die Schatten? stimmt die Lichtführung? steht die Sonne zur Aufnahmezeit am richtigen Ort? weist das Bild Wiederholungen auf? wurde etwas mit Photoshop «wegradiert» oder eingesetzt?)
  • Vernunft walten lassen (sieht das Foto zu gut aus, um wahr zu sein, ist es dies wahrscheinlich nicht)

Verifizierung von Videos

  • Vergleiche herstellen (Wettervorhersagen am Aufnahmeort, Analyse der Bildinhalte, siehe Bilderverifikation)
  • Urheber eruieren (welche übrigen Videos wurden unter demselben Account hochgeladen? sind andere Accounts unter selbem Namen im Netz auffindbar?)
  • Filmart analysieren (wie wurde das Video aufgenommen? wurde es geschnitten?)
  • Ton analysieren (sind Stimmen verständlich? ertönen unnatürliche Geräusche?)
  • Farben analysieren (sind sie zu satt, unnatürlich oder gibt es abrupte Veränderungen?)
  • Konkurrenz beobachten (wie verifizieren andere Medienanstalten Videos?)

Beispiel Videoverifizierung beim ZDF:

Aktiv nach Augenzeugen suchen (Crowdsourcing)

Wie bereits in Teil I erklärt, ist ein im Voraus aufgebautes digitales Netz von Vorteil, um im Ernstfall Inhalte zu finden und zu überprüfen. Trotzdem gilt auch hier: Wer einen Aufruf bei Twitter oder Facebook lanciert, kann eingegangene Inhalte nicht einfach unverifiziert weiterverwenden.

Wer bei einem Newsereignis nach digitalen Augenzeugen suchen will, kann folgende Tricks anwenden:

  • Sprache beachten: Wo hat sich die News ereignet? Erste Augenzeugen berichten immer in ihrer Muttersprache. Dazu kann das integrierte Übersetzungstool in Google Chrome verwendet werden. Aber Achtung: Fachbegriffe können meist nicht einfach 1:1 übersetzt werden, sondern lauten oft anders (Beispiel: Bundesliga).
  • Zeitraum beachten: Es lohnt sich, bei Suchen den Zeitraum und Ort einzugrenzen. Somit fallen bereits viele irrelevante Suchresultate weg, die man ansonsten mühsam manuell durchforsten müsste. Dabei helfen die erweiterten Suchoptionen bei Google, Twitter und Youtube.
  • User beachten: Wer in die Rolle der Quelle schlüpfen kann, findet in Social Networks schneller bessere Inhalte. Dazu gilt der simple Trick: 1. Person Singular in Suchen integrieren («mich», «ich», «mir» usw.).
  • Livestreams nutzen: Dank webfähigen Mobilgeräten gewinnen Livestreams laufend an Nutzer. Vor allem während des «Arabischen Frühlings» etablierte sich die Plattform Bambuser. Livestream ist eine Konkurrenzplattform mit ähnlichem Angebot. Eigentlich gehört auch Storify zu den Livestream-Angeboten. Seit Anfang April 2012 können sämtliche kuratierten Geschichten auf Storify durchsucht werden.
  • Andere Plattformen beachten: Wer nach Bildern sucht, sollte ebenfalls aus User-Sicht vorgehen. Flickr, Picasa und Instagram sind Bildportale, die man nebst der Bildersuche von Google nicht vergessen darf. Eine erweiterte Suche hilft weiter: erweiterte Flickr-Suche, erweiterte Picasa-Suche und Suche bei Instagram.
  • Facebook, ja aber: Facebook ist mit Abstand die Nummer 1 der Social Networks. Im Gegensatz zu Twitter und anderen Netzwerken ist es allerdings extrem schwierig, an offene Daten der User zu gelangen. Einige Hilfen bilden folgende Suchmaschinen: facebook.eccar.org, fbsearch.us und eine angepasste Google-Suche (selbstverständlich wird hier nur angezeigt, was User auch wirklich freigegeben haben).
  • Achtung, Google personalisiert: Obwohl Google mit den verschiedenen Suchalgorithmen noch immer eine der besten Suchmaschinen ist, speichert sie Daten über unser Suchverhalten und gibt bei einer nächsten Suchanfrage Resultate verändert aus. Wer diesem Problem ausweichen will, kann Startpage nutzen. Ansonsten hilft aber auch ein Wechsel in den privaten Suchmodus.

Welche Themenfelder oder Tricks fehlen noch? In den untenstehenden Kommentaren können weitere nützliche Webtools angegeben werden. Wer sich ausserdem ausführlicher mit Onlinerecherche befassen will, sollte Mitglied bei investigativ.ch werden oder auf den Seiten von Paul Myers und Boris Kartheuser vorbeischauen.

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8 Kommentare

  1. Die Angabe einer Website in der Twitter-Biografie besagt leider noch nichts. Die Whois-Abfrage erlaubt lediglich zu prüfen, ob der Twitter-Name gleich lautet wie der Holder eines Domain-Namens. Ob hinter dem Twitter-Name aber tatsächlich diese Person steckt oder nicht, bleibt offen.

    Auch die Verifizierung anhand der Followee und Follower scheint mir etwas riskant. Beispiel: @tonibrunner. Nur wer die gewollt ironisch verfasste Bio liest, merkt, dass das nicht der echte Toni Brunner ist. Die Follower lassen aber etwas anderes vermuten. Wäre die Bio nicht ironisch verfasst, würden wohl einige reinfallen.

    Das sicherste Element zur Überprüfung eines Twitter-Accounts scheint mir ein Link auf den Twitter-Account von der jeweiligen Website, so wie etwa der Button da oben „@konradweber folgen“. Ob dieser Button auch wirklich von Konrad Weber platziert wurde, lässt sich dank Whois von konradweber.ch überprüfen.

    Was mir noch fehlt, ist die Prüfung der inhaltlichen Plausibilität von Tweets. Man kennt ja in etwa die Grundhaltung von Personen des öffentlichen Lebens, wie etwa Politikern. Dieses Vorwissen erlaubt es zu prüfen, ob die bisher abgegebenen Tweets inhaltlich plausibel sind oder nicht.

    P.S. Wenn ich das hier sehe, frage ich mich, wie man den Inhalt von klassischen Medien verifiziert: http://www.medienspiegel.ch/archives/003789.html

  2. Direktlink: Verifizierung von Social Media Inhalten | 120sekunden

  3. Die Einwände von Titus würde ich auf der technischen Seite so unterschreiben. Allerdings ist jede Stufe der Validierung von Rechercheergebnissen nur ein kleines Puzzlestück. Die Summe der Teile ergibt ein Bild. Jeder dieser Schritte kann dazu führen, dass eine Quelle als unbrauchbar Eingestuft werden kann – oder eben eine Stufe glaubwürdiger.

    Wenn einer der ersten Schritte schon dazu führt, dass ich eine Quelle verwerfen kann, dann spart das Zeit und Nerven.

  4. Aus den hier von Titus genannten Gründen würde ich selbst auch eher von „Indizien“ als von Fakten sprechen. aber die Zusammenstellung von Konrad ist schon ziemlich umfassend! Meine Fassung der Checkliste „Twitter verifzieren“ habe ich hier mal online gestellt: http://tinyurl.com/8yl6qsx
    Darin wären als Ergänzung u.a. zu nennen:
    „Gibt es Angaben (Geo-Daten) zu dem Account oder einzelnen Tweets?“
    „Wo taucht der Avatar (Bild) des Users sonst noch im Netz auf?“ (Tinyeye oder Google Bildersuche)
    „Wurde der Tweet über ein Mobiltelefon abgesetzt und ist damit glaubwürdig(er) ein Augenzeuge? (z.B. unter „source:“ zu sehen)

    • Besten Dank für diesen aufschlussreichen Zusatz.
      Die Geo-Angaben (v.a. bei Tweets) habe ich eigentlich bewusst weggelassen, da Journalisten sich leider bereits zu oft von «gefakten» Location-Angaben täuschen liessen. Trotzdem sollte man diese Möglichkeit erwähnen, um auch auf die Gefahren solcher scheinbar verifizierten Angaben aufmerksam zu machen.

  5. Direktlink: personalmarketing, employer branding, social media - personalmarketing2null – Personalmarketing, Social Media und Employer Branding kritisch und mit Augenzwinkern hinterfragt.

  6. Direktlink: Journalismus & Recherche » Blog Archive » Verification Handbook angekündigt

  7. Direktlink: torial Blog | Techniken und Tools zur Verifizierung, Teil 2: Websites, Videos und Twitter-Accounts

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