Im BBC Newsroom in London prüfen mehr als 20 Journalisten im User Generated Content Hub Inhalte aus dem Social Web.
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Wie ARD, BBC und CNN Inhalte aus dem Social Web verifizieren

Wie können Inhalte aus Social Networks verifiziert werden? Diese Frage versuchte ich unlängst in einer dreiteiligen Serie zu beantworten. Um diese theoriebasierten Tipps aber sinnvoll umsetzen zu können, schaut man am besten jenen zu, die dies täglich machen: Ein Blick in die Newsrooms von ARD, BBC, CNN und weiteren Medienhäusern.

Ob der Tod von Osama bin Laden, die Notlandung eines Airbus-Flugzeuges auf dem Hudson River oder die Konflikte in Syrien: Stets sind es Bilder und Videos von Augenzeugen, die heutzutage als erste Informationen über Breaking News an eine breitere Öffentlichkeit gelangen. Diese Entwicklung zwingt Medienorganisationen in Zeiten unendlicher Fülle von verfügbaren digitalen Inhalten, sich noch sorgfältiger mit den Quellen dieser Informationen auseinanderzusetzen.

Bereits seit längerer Zeit haben deshalb grosse Medienhäuser begonnen, Rechercheteams für Inhalte aus Social Networks einzurichten. Ein Blick in die Kochtöpfe der einzelnen Redaktionen zeigt: die meisten kochen mit demselben Wasser. Trotzdem ist der Vergleich der jeweiligen Aufstellung und der Verifikationschecklisten spannend.

BBC

Seit 2005 besteht bei der BBC ein UGC Hub, das sich hauptsächlich um die Verifikation von Bildern, Nachrichten und Videos von Zuschauern und Nutzern kümmert. Anfangs vor allem mit dem Blick auf die täglich eingesandten Informationen, fokussiert sich das heute auf 20 Journalisten angewachsene Team nun in erster Linie auf selbst recherchierte Inhalte. Doch auch in diesen Tagen erhält die Redaktion noch immer direkt eingesandte Bilder und Informationen – aktuell rund 3000 Hinweise am Tag.

Bei sämtlichen Inhalten, die BBC-Journalisten zu publizieren gedenken, gilt die goldene Regel, die Urheber telefonisch oder via Skype vorgängig zu kontaktieren. Somit sind gleich zwei Schritte der Verifikation abgedeckt: die Quelle kann zum einen zu den Hintergründen der Aufnahmen befragt werden, zum anderen wird zugleich die Erlaubnis zur Veröffentlichung eingeholt. Deshalb bildet die Suche nach der Ursprungsquelle die Basis jedes Verifikationsprozesses bei der BBC. Zu klärende Fragen hierbei sind folgende:

  • Wo wurde das Material zuerst hochgeladen?
  • Wann wurde das Material hochgeladen?
  • Ergeben sich Motive und Zusammenhänge zur Ursache, weshalb und wo die Quelle das Material hochgeladen hat?

Oftmals können BBC-Journalisten allerdings nicht mit den Urhebern direkt in Kontakt treten, da sich diese beim Offenlegen ihrer Identität selbst gefährden würden. In solchen Fällen greifen die Experten des UGC-Hub zu weiteren Verifikationsschritten:

  • Inhaltlicher Art: Stimmen die gezeigten Orte mit den Angaben überein? Sind Sprachen oder gar Dialekte verständlich? Dazu werden lokale Spezialisten gefragt (Korrespondenten, Ausgewanderte, Guides, ..).
  • Technischer Art: Aufnahmen und Bilder werden auf Veränderungen und Lokalität überprüft.
Ein mit Photoshop verändertes Bild wurde als toten Osama bin Laden ausgegeben. Foto: Philip Hollis/BBC

Osama bin Laden? Foto: Philip Hollis/BBC

Auf diese Weise hat das UGC-Hub im Mai 2011 ein mit Adobe Photoshop verändertes Bild eines afghanischen Kämpfers, das als Abbildung des toten Osama bin Laden ausgegeben wurde, als Fälschung entlarvt. Die Journalisten am Verifikationsdesk haben dazu eine umgekehrte Bildsuche mit Hilfe von TinEye durchgeführt. Hierbei gleicht eine Suchmaschine das entsprechende Bild mit ähnlichen Bildern ab und spielt diese anschliessend als Resultate aus. Mittlerweile bietet auch Google eine so genannte «Reverse Image Search» an.

 

Storyful

Die 23-köpfige Newsagentur Storyful hat sich zum Ziel gesetzt, «echte» News aus dem Chaos der digitalen Datenflut zu filtern. Die 2010 gegründete Agentur hat dazu Checklisten angelegt, um Bilder und Videos zu verifizieren:

  • Können die hochgeladenen Inhalte Materialien einem geografischen Standort zugeordnet werden (Google Maps, Wikimapia, Google Terrain Map)?
  • Sind Strassenzüge, Laternen oder fixe Orientierungspunkte ähnlich wie auf Panoramio oder Google Earth ersichtlich?
  • Stimmt das Wetter auf den Aufnahmen mit den für diese Tage gemeldeten Aussichten überein?
  • Stimmen Schatten mit der angegebenen Uhrzeit der Aufnahmen überein?
  • Können den Strassenschildern oder Autokennzeichen Informationen über die Lokalität entnommen werden?
  • Sagen uns die Dialekte oder Akzente im Video etwas über die Lokalität aus?
  • Berichten mehrere Personen über dasselbe Ereignis aus derselben Region?
  • Geben Titel (.avi oder .mp4) oder die Beschreibung des Videos nähere Angaben auf Ursprung der Aufnahmen?

Um weitere Informationen über die Inhalte herauszufinden, hat Storyful eine zusätzliche Checkliste zur Verifizierung von Benutzerprofilen aufgesetzt:

  • Wo ist der Benutzer registriert, wo sitzt die Person, wurden bereits andere Inhalte hochgeladen?
  • Sind andere Profile vorhanden (Twitter, Facebook, Youtube, Blogs, Websites), die auf die Quelle verweisen? Geben diese Auskunft über Standort, Aktivität, Vertrauenswürdigkeit, Bias oder Agenda der Quelle?
  • Seit wann sind diese Profile aktiv und wie häufig sind sie aktiv?
  • Schreibt der Autor in Dialekt, der auch in den Ton-/Videoaufnahmen wieder zu erkennen ist?
  • Gibt es WHOIS-Informationen über eine verlinkte Website?
  • Ist die Person in lokalen Telefonbüchern eingetragen?
  • Verrät das Netzwerk der Quelle (Followee/Follower auf Twitter) etwas zu ihrem Standort?

CNN

Als CNN 2006 iReport lancierte, hätten die Macher der Crowdsourcing-Plattform wohl nicht im Traum gedacht, dass sich während der folgenden sechs Jahre über eine Million «Informanten» (sog. iReporters) registrieren werden. Selbstverständlich werden diese Nutzer für ihre Hinweise, Fotos und Videos nicht bezahlt. Dennoch ist die Qualität der Einsendungen hoch – viele CNN-Geschichten konnten bereits dank Informationen von iReporters realisiert werden. Täglich werden dem Team, bestehend aus acht Vollzeitstellen, über 500 Meldungen zugespielt. Entscheiden sich die Journalisten einen bestimmten iReport-Inhalt auf anderen CNN-Plattformen oder on air zu publizieren, wird er vom iReport-Team überprüft.

Dazu dient, wie bei der BBC, ein zweistufiger Verifikationsprozess:

  • Im ersten Schritt werden die Nutzer entweder per Mail, Telefon oder Skype kontaktiert. CNN-Journalisten fragen die Urheber nach ihrem aktuellen Aufenthaltsort, der verwendeten Kamera, was sie über den Anlass der Meldung denken und ob sie für die Berichterstattung bezahlt wurden. Hierbei erhoffen sich die CNN-Journalisten weitere Informationen zu den Vorkommnissen zu erfahren, die sie ebenfalls in ihre Berichterstattung  aufnehmen können.
  • In einem zweiten Schritt werden die Inhalte der Aufnahmen überprüft. Dazu dient in erster Linie das grosse Netzwerk und die lokalen Experten des CNN. Zudem werden die Polizei vor Ort, ansässige Medien und themenbezogene Experten konsultiert, um möglichst viele Details der Geschichte zu verifizieren. Dazu werden die eingesandten Informationen auch mit Informationen aus anderen Social Networks abgeglichen und einer technischen Überprüfung unterzogen.

Reuters

Auch englischsprachige Nachrichtenagenturen machen sich Gedanken zur Verifikation von Inhalten aus dem Social Web. Im Gegensatz zu Associated Press (AP), die ein ziemlich klares Raster zur Überprüfung von Fotos aufweist, gibt Reuters seinen Journalisten höchstens einige Tipps zum Umgang mit Informationen von Twitter mit auf den Weg. Darin erklären die Verantwortlichen den Reuters-Journalisten, dass sie sich den Gefahren der Social Networks bewusst sein sollen. Welche Verifikationsschritte Informationen aus dem Social Web allerdings durchlaufen sollten, werden nicht angegeben.

ARD

Während einige der grossen anglo-amerikanischen Medienhäuser bereits ganze Teams mit der Verifikation von Social Media-Inhalten beauftragen, ziehen die Medieninstitutionen im deutschsprachigen Raum erst langsam nach. Trotzdem besteht bei der ARD seit April 2011 eine Verifikationscheckliste, die im Content Center von einem Journalisten täglich angewendet wird. Darin werden vier Schritte erläutert, die oft parallel ablaufen und anhand welcher Bilder und Videos aus Social Networks überprüft werden:

  • Metadaten auslesen (exif-Daten, Aufnahmezeitpunkt, Google Maps, Wetter)
  • Quellenglaubwürdigkeit überprüfen → Kontakt mit Quelle aufnehmen (auch um Rechte zur Publikation einzuholen)
  • Expertenprüfung (ARD-Leute vor Ort, Sprachkenner, Skype-Kontakte)
  • Technische Prüfung (Bildbearbeitung, Schnitt, Ton)

ZDF

Im Gegensatz zur ARD versuchen die Journalisten beim ZDF ihre Verifikationsprozesse flexibler zu gestalten. Bei der grössten deutschsprachigen Fernsehanstalt suchen einzelne Spezialisten mit ähnlichen Prüffragen wie bei anderen Medienhäusern nach Faktoren, um Bilder und Videos zu verifizieren. Dabei helfen etwa auch geschlossene Facebook-Gruppen, um gezieltes Crowdsourcing ohne Gefährung der Quellen zu betreiben. In Krisenzeiten werden diese Teams ausgebaut.

ZDF-Journalist Dara Hassanzadeh erklärt, wie er Youtube-Videos auf ihre Echtheit überprüft.

YouTube

 

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23 Kommentare

  1. Sehr aufschlussreicher und gut zusammengestellter Artikel, vielen Dank! Zumindest im angelsächsischen Raum besteht Hoffnung, dass man es mit der Verifizierung des Materials aus dem Social Web ernst nimmt.

    Dahingegen bekomme ich immer noch ein leichtes Unwohlsein, wenn in großen deutschen Nachrichtensendungen “Quelle: Internet(video)” angegeben wird. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, “Quelle: Zeitung” zu schreiben, wenn klar ist, woher die Information stammt…

    • coolray

      man sollte sich auch fragen ob , wenn man die genaue quelle angibt, nicht die gefahr besteht das aus syrien niemand mehr videos einstellt , weil befürchtet werden muss das polizei und armee vor dem haus stehen und man hinterher wenn man pech hat nicht mehr lebt ..schon einmal darüber nachgedacht ???? oder meinen sie quellenagabe um jeden preis..und wenn das bedeutet das die imformanten umgebracht werden ???

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