Wie können Medienhäuser bei Jugendlichen das Interesse für Politik steigern?

Junge interessieren sich nicht für Politik, so die vielgehörte Meinung in den Medien. Seit Anfang Mai versucht die SRG mit dem multimedialen Projekt «politbox» zu den nationalen Wahlen im Herbst 2015 den Gegentrend zu beweisen. Ein Werkstatt-Bericht.
In der Schweiz leben mehr Menschen, die ihre politische Meinung nicht äussern oder nicht äussern können, als solche, die die Politik prägen. Um dies zu ändern und vor allem auch jüngeren Landsleuten in der Schweiz eine Stimme zu geben, hat Schweizer Radio und Fernsehen erstmals zusammen mit den vier SRG-Unternehmenseinheiten der übrigen Sprachregionen (RTS, RSI, RTR und Swissinfo) gemeinsam ein multimediales und interaktives Angebot zu den nationalen Wahlen lanciert.
Zu diesem zeitlich begrenzten Angebot gehören die Quiz-App «politbox» und eine multimediale Bustour durch sämtliche Regionen der Schweiz. Redaktorinnen und Redaktoren der SRG diskutieren vor Ort in allen Landessprachen die Themen, welche die Politik in der Schweiz prägen.

Im Zentrum steht dabei eine wichtige Erkenntnis: Wer sich in der S-Bahn via Whatsapp bei seinen Kollegen über das dichte Gedränge beschwert oder wer sich abends bei einem Bier über die längeren Ladenöffnungszeiten freut, der oder die betreibt genau gleich auch Politik. Diesen jungen Stimmen wollen wir bei «politbox» eine Plattform bieten. Zugleich helfen wir ihnen, ihr Wissen anhand von unterschiedlichen Quiz zu gesellschaftlichen Themen der Schweiz auszubauen, dieses mit dem der Freunde zu vergleichen und dabei Teil einer besonderen Community zu werden.
Wie eine Quiz-App entsteht
Ein solches Angebot will geplant sein. Ein Projektteam bestehend aus Multimedia-Journalisten aus allen Sprachregionen der Schweiz machte sich rund ein Jahr vor Launch der App an die Ideenfindung. In einem mehrstufigen Prozess wurden anhand der «Design Thinking»-Methode Konzepte gesucht, gewälzt und schliesslich wiederum verworfen. Grundlage dazu bildeten Erkenntnisse der vergangenen Wahlen, Learnings der Aktion «Treffpunkt Bundesplatz» und aktuelle Analysen der Markt- und Publikumsforschung.

Nachdem wir uns im Projektteam auf ein interaktives Mobilangebot geeinigt und eine Vision formuliert hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem Umsetzungspartner. Etwas mehr als ein Dutzend in- und ausländischer Firmen wurden mit einem «request for proposal» angeschrieben. Nach einer Erstauswahl der Angebote, führten wir Anfang Dezember 2014 einen Pitch mit vier Agenturen durch. Zwei Partner kamen in die engere Auswahl, wobei in einem Stichentscheid die Wahl schliesslich auf den Umsetzungspartner Liip mit Sitz in Lausanne, Fribourg, Bern und Zürich fiel.
Agiler Entwicklungsprozess
Zusammen mit Liip wurde in den ersten Wochen des neuen Jahres die Detailkonzeption in Angriff genommen. In mehreren Scope-Workshops mit verschiedenen Stakeholdern wurden erste Ideen präzisiert. Bei der Umsetzung achteten wir auf einen agilen Entwicklungsprozess angelehnt an der Scrum-Methode.
Die Resultate aus dem Konzeptionsprozess wurden schliesslich in «epics» und «user stories» umformuliert, um diese wiederum in zweiwöchige Entwicklungssprints einzuteilen. Denn neben der Quiz-App musste auch ein Redaktionsbackend und eine Landingpage (www.politbox.ch) programmiert und designt werden.
Als «product owner» durfte ich diesen spannenden Prozess eng begleiten und mitgestalten. Schnell wurde klar, dass bis zum Launch-Termin am 4. Mai längst nicht alle gewünschten Funktionalitäten umgesetzt werden können. Aus diesem Grund wurden die einzelnen Stories laufend neu spezifiziert, geschätzt und priorisiert. Obwohl der Zeitdruck für sämtliche Beteiligten immens war, konnte schliesslich zeitgerecht ein Produkt an den Start gehen, welches sowohl die Macher wie auch die User überzeugt. Selbstverständlich ist damit die Arbeit allerdings noch längst nicht abgeschlossen.
Auch nach dem Launch wird weiter an der App entwickelt. Auf Anfang August ist nebst dem Wissensquiz mit verschiedenen Themen ein «Battle Modus» geplant. Hierbei soll es den Usern möglich sein, gegeneinander anzutreten und Freunde herauszufordern.
Redaktionelle Arbeit angelehnt an Software-Entwicklung
Neben der App-Entwicklung und dem Ausbau der Inhalte beschäftigt sich die Redaktion weiterhin auch mit der Organisation der Bustour durch die Schweiz und der Planung von Live-Sendungen auf dieser Tour.
An unterschiedlichen Standorten suchen wir Medienschaffende von SRF, RTS, RSI, RTR und Swissinfo mit unserem Zielpublikum den Dialog auf Augenhöhe. Zusammen mit dem Eventmarketing von SRF haben wir hierzu einen «politbox»-Bus entwickelt – ein umgebauter und speziell gestalteter Wohnwagen.
Auch bei diesem organisatorisch komplexen Prozess setzen wir auf die Erkenntnisse aus der Software-Entwicklung: In regelmässigen Brainstorming-Phasen entwickeln wir Ideen für die Sendungen auf der Bustour, welche wir in «retro»-Sitzungen nach der jeweiligen Durchführung wiederum detailliert auswerten.
So befinden wir uns in einem agilen Prozess mit regelmässigen Iterationen, die uns Anpassungsmöglichkeiten erlauben, um das Produkt von Ausführung zu Ausführung zu optimieren. In «daily briefings» datieren wir uns gegenseitig über unsere bisherigen Arbeiten auf – und vergeben neue Tasks, damit wir in der Fülle der Arbeiten nicht den Überblick verlieren.
Journalismus und Technologie – eine Symbiose
Die Digitalisierung und die redaktionelle Arbeit gehören zusammen – dieser Meinung war ich nicht erst seit diesem speziellen Projekt, das ich nun seit etwas mehr als zwei Monaten redaktionell leiten darf. Vielmehr bin ich überzeugt, dass Journalisten in erster Linie von den Prozessen der Software-Entwicklung lernen können. Wer mit Blick auf die Nutzerbedürfnisse sein Produkt laufend agil und iterativ weiterentwickelt, verhindert, in einer sich immer schneller drehenden Welt den Anschluss zu verlieren. Dies funktioniert sogar über die Sprachgrenzen hinweg, wie die Arbeit in der mehrsprachigen «politbox»-Redaktion zeigt.

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Dieser Text wurde zuerst in Englisch für y7k publiziert.
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