Schaut man sich an, was einem täglich im Netz vorgesetzt wird, hat das mit digitalem Journalismus leider meist gar nichts zu tun. Allerhöchste Zeit also, mit dem klassischen Artikel und den damit zusammenhängenden antiquierten Produktionsmechanismen zu brechen.

Der klassische Artikel im Netz hat Probleme – und zwar einige:

  • Die Standard-Artikelform im Netz besteht in 90% der Fälle aus einem Titel, Lead,  Medienelement (Bild oder Video) und einem Text, aufgeteilt in mehrere Absätze.
  • Das klassische Format dominiert die Erzählform der Story und diese entsteht entlang klassischer Produktionsprozesse. Das heisst, dass das meiste Material, das eine Redaktion tagsüber produziert, abends abgeschlossen und publiziert wird.
  • Doch eigentlich müsste der Artikel unterschiedliche Funktionen erfüllen – einmal handelt es sich um ein Erklärstück oder einen Hintergrund, ein anderes Mal hat der Artikel einzig die Funktion eines Updates oder einer Zusammenfassung. Im seltensten Fall handelt es sich um eine Liveberichterstattung, sei dies mittels eines Liveblogs oder -tickers.
  • Deshalb nimmt die Wertigkeit dieses Artikels nach der Publikation rasend schnell ab.
  • Kommt hinzu, dass die meisten journalistischen Angebote noch immer kaum personalisierbar sind und deshalb auch meist keine weitergreifenden Interaktionsmöglichkeiten zulassen.
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Man könnte nun von den unzähligen Multimedia-Reportagen sprechen, die seit Neustem durch die Redaktionen gereicht und auf sämtlichen Journalismuskonferenzen gepredigt werden. Ich überlasse dies Kollege Christian Jakubetz, der stimmige fünf W-Fragen zu diesem Hype notiert hat.

Mich interessiert in letzter Zeit viel mehr, was täglich in den zahlreichen Redaktionen, die sich entweder als konvergente oder rein webgetriebene Medienstuben schimpfen, produziert wird. Denn spannend wird es abseits des grossen Hypes, wo in täglicher Knochenarbeit und mit Engagement versucht wird, aus der Box zu denken. Journalisten, die diese Arbeit umsetzen, sind vor sieben zentrale Herausforderungen gestellt, mit welchen sie sich täglich neu auseinandersetzen müssen.

1. Nutzer haben kaum Geduld

Mehr als die Hälfte aller Netzleser verbringen weniger als 15 Sekunden auf einer Seite. Das Thema gefällt mir nicht? Und weg. Der Titel spricht mich nicht an? Und weg. Das Video lädt nicht richtig? Und weg.

Um dieses Phänomen zu bekämpfen, versuchen Medienhäuser ihre User mit expliziten Zeitangaben zu ködern: «Weshalb ein Reiseverbot aufgrund von Ebola eine schlechte Entscheidung ist – erklärt in 2 Minuten» oder «Alles was Sie über Obamacare wissen müssen». Zwei Beispiele von vox.com, einem Medien-Startup aus den USA.

2. Unterschiedlicher Wissensstand der User

Gerade mal eine Stunde dauerte es an diesem Montag, 15. April 2013 und die Hälfte der US-Amerikaner wussten, dass auf den Marathon in Boston ein Anschlag verübt wurde. Zu diesem Schluss kam eine Studie, bei der 1000 Personen im Nachgang zu den Ereignissen befragt wurden.

Das führt dazu, dass viele Personen mit unterschiedlichem Wissensstand Newsprodukte konsumieren und deshalb auch unterschiedliche Anforderungen an die journalistische Arbeit stellen.

3. Artikelzugang nicht mehr klassisch

Früher war alles noch einfach: Bist du mit deiner Geschichte prominent auf der Frontseite, respektive auf den oberen Plätzen einer Homepage vertreten, wird dein Artikel auch gelesen. Obwohl diese Platzierung auch heute noch die Nutzung beeinflusst, spielen andere Zugänge – über Social Media oder Suchmaschinen – eine nicht weniger wichtige Rolle. Das schlägt sich auch auf die Arbeitsorganisation innerhalb einer Redaktion nieder: Ohne Social Media-Redaktor und Suchoptimierer kommen die grossen Player nicht mehr aus. Deshalb verkommt auch der Verkauf und die Konfektionierung des redaktionellen Produktes zu einem immer wichtigeren Teil der journalistischen Arbeit.

Um dies zu illustrieren, könnte man auch einige provokante Fragen stellen: Ist dies Journalismus? Oder das? Oder sogar das? Ich bin der festen Überzeugung, dass Journalismus unabhängig von dessen Trägermedium betrieben werden kann und es sich deshalb bei allen drei Beispielen um journalistische Angebote handelt.

4. Nutzer erwarten Detailtiefe

Während die Leser mit unterschiedlichem Wissensstand in ein Thema eintauchen, erwarten sie auch von den Journalisten eine unterschiedliche Detailtiefe. Im Web wird versucht, dieser Herausforderung mit digitalen Dossiers zu entgegenen. Doch es geht auch einfacher und kleinteiliger. So reicht auch die Möglichkeit, dem User selbst die Flughöhe des Themas zu überlassen, indem er zum Beispiel in einen Zeitstrahl eintaucht oder das Angebot erhält, sich selbst direkt in die Berichterstattung einzumischen und nach weiteren Details zu fragen.

5. Verschiedene Interessen – und wie diese nutzen?

Die Interessen, sich mit journalistischen Inhalten auseinanderzusetzen, sind exterm unterschiedlich. Sei es, weil man sich durch das Thema angesprochen fühlt, in thematischer oder lokaler Hinsicht betroffen ist oder auch einfach nur aus Zeitvertrieb – alle diese Interessen bilden eine andere Ausgangslage für die Produktion eines Medieninhalts.

Kommt hinzu, dass diese unterschiedlichen Nutzungsinteressen in einer interaktiven Form wiederum zurück in die Redaktion fliessen sollten. Kollege David Bauer hat dazu mehrere Motivationsgründe notiert, weshalb sich ein User angesprochen fühlen könnte, um auf ein Medieninhalt zu reagieren. Dazu gehören folgende Bedürfnisse: einen Fehler zu melden; Fact-checking; nachzufragen («Das verstehe ich nicht»); einen direkten Draht zum Autor zu erhalten; unter Freunden zu diskutieren oder eine Replik oder ein Follow-up anzustossen.

Doch leider sehen die Interaktionsmöglichkeiten aktuell bei den meisten Medienhäusern noch immer gleich aus: Eine mit Trollen gefüllte Kommentarspalte hängt am Ende eines Artikels.

6. Veränderung der Nutzungsarten und -zeiten

85 Mal greifen die Schweizer täglich zu ihrem Smartphone. Bei acht Stunden Schlaf am Tag entspricht dies einer Nutzung alle 12 Minuten. Das führt dazu, dass Medienportale bereits heute zur Mehrheit mit mobilen Geräten angesteuert werden. Am Wochenende und in Randzeiten ist die Quote sogar noch höher.

Wer heute noch ausschliesslich für stationäre Umsetzungen Anwendungen programmiert, schliesst sich somit automatisch einer grossen Nutzungsgruppe aus. Im Gegenzug bedeutet dies aber auch, dass die journalistischen Inhalte auf Smartphones genauso funktionieren müssen, wie sie dies am grossen Bildschirm oder sogar auf Papier tun.

7. Nutzer wissen mehr als Journalisten, aber nicht alles

Noch längst wird das Potential von uns allen als intelligente Crowd nicht gewinnbringend genutzt. Dies liegt leider oft an einem veralteten Rollenverständnis der Journalisten, alleine die Welt erklären zu wollen. Dass zusammen mit der Leserschaft durchaus auch sinnvolle Projekte entstehen können, zeigen verschiedene Beispiele (siehe hier, hier und hier).

Doch nicht immer hat die Crowd wirklich recht. Und hier kommen die Journalisten wieder ins Spiel. Kursiert zum Beispiel auf Youtube ein Video eines Jungen, der ein Mädchen aus dem vermeintlichen Kugelhagel in Syrien befreit, muss diese Begebenheit nicht zwingend echt sein. Umso vorsichtiger sollten Medienhäuser mit solchen Meldungen umgehen – statt sie weiterzuerzählen. Denn immer häufiger steckt dahinter eine ganz andere Geschichte, die eigentlich erzählt werden müsste.

Und was nun?

Die Herausforderung täglich von Neuem und unter Zeitdruck ausserhalb der gewöhnlichen Umsetzungsarten zu denken, ist anspruchsvoll und verdient grössten Respekt. Umso wichtiger ist das experimentieren, evaluieren und etablieren solcher Lösungen. Nur so erreichen wir einen neuen Standard von Journalismus, der dieses Internet verdient hat.

Die Grundlage dieses Textes bildete mein Referat im Rahmen des Journalismus.Tages 14 am 5. November 2014 an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

4 Kommentare

  1. Du hast recht, die Mediennutzung hat sich wegen des Internets stark verändert: User wollen Informationen und das möglichst schnell und diese übersichtlich aufbereitet. (auch bei dir ist die Übersichtlichkeit geboten, dank der Zwischen-Heads)
    Der Gedanke, dass Informationen durch das Miteinander von User und Producer facettenreicher und umfassender sind, finde ich richtig. Da wären wir wieder ein Stück weit bei dem Thema „Bürgerjournalismus“. Auch ich sehe den Journalisten hier in der Rolle des Prüfers, der die Information auf Richtigkeit prüfen muss. Eine etwas modernere Auslegung des Gate-Keepers, quasi.

    Danke für deinen Artikel 🙂

  2. Ich wäre ja schon froh, wenn Zeitungen lernen würden, dass es im Netz diese so genannten „Hyperlinks“ gibt.

    Es wird also über eine neue Gesetzesinitative berichtet? Dann verlinkt bitte den Originaltext. Es wird über ein Urteil berichtet? Dann verlinkt bitte das Urteil oder – falls es nicht online ist – gebt zumindest das Aktenzeichen an. Ihr bezieht euch auf eine Meldung in einer anderen Zeitung? Dann verlinkt bitte deren Artikel.

    Dann klappts auch mit der Detailtiefe.

  3. Direktlink: Zeitschriftenmacher – Das Ende des Artikels

  4. Direktlink: Du wirst es auf YouTube zu nichts bringen - netzfeuilleton.de

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